Portrait Original Murnauer Bauerntheater

Seit über 120 Jahren steht in Murnau das Volksstück auf dem Programm. Das Original Murnauer Bauerntheater zählt zu den ältesten und traditionsreichsten Bauerntheatergruppen Bayerns und ist bis heute ein aktiver Verein. Mit jeder Spielzeit zeigt das Ensemble, dass das Bauerntheater keine museale Form ist, sondern lebendige Kultur.

Gründung des Murnauer Bauerntheaters (1902)

Der Ursprung des Theaters liegt in der Bürgertheater-Gesellschaft Murnau. 1902 gründete deren Vorstand Josef Fürst eine eigenständige Bauerntheatergruppe.

Die erste Aufführung fand am 20. Juli 1902 statt: Gespielt wurde das Volksstück „Der Dorflump“ von Hermann Haas. Der Erfolg war so groß, dass das Stück zum 20-jährigen Jubiläum am 10. September 1922 erneut auf den Spielplan kam.

Bereits in den Anfangsjahren entwickelte sich das Bauerntheater zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens in Murnau. Gespielt wurde zunächst in einfachen Spielstätten, etwa in einer hölzernen Halle beim Griesbräu-Keller und später im Postsaal.

Max Dingler und die prägenden Jahre

Eine zentrale Rolle in der frühen Entwicklung spielte der Autor und Zoologe Max Dingler. 1907 wurde sein erstes Bühnenstück „Die schöne Mirzl“ in Murnau uraufgeführt – unter seiner eigenen Regie.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Dingler zum wichtigsten Hausautor des Theaters. Seine Stücke wurden über lange Zeit immer wieder gespielt und prägten das Repertoire maßgeblich.

Heute wird seine Person differenzierter betrachtet: Dingler war nicht nur Wissenschaftler und Mundartdichter, sondern auch früh politisch engagiert und bereits in den 1920er Jahren mit dem Nationalsozialismus verbunden. Seine wissenschaftliche Bedeutung wird in der Forschung unterschiedlich bewertet und seine politische Rolle ist historisch kritisch eingeordnet. Für die Geschichte des Murnauer Bauerntheaters bleibt er dennoch eine prägende Figur.

Bühne, Turnhalle und technische Entwicklung

1912 wurden Bühne und Dekoration unter der Leitung Dinglers erneuert. Gespielt wurde zu dieser Zeit in der Turnhalle, die bereits 1905 nach Plänen des Architekten Emanuel von Seidl errichtet worden war.

Mit dieser Spielstätte verbesserten sich die Aufführungsbedingungen deutlich. Zuvor hatte das Theater unter einfacheren Voraussetzungen gespielt.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Weltkriege unterbrachen den Spielbetrieb nachhaltig. Nach 1945 war von der ursprünglichen Ausstattung kaum noch etwas vorhanden.

1954 wurde das Bauerntheater als Unterabteilung des TSV Murnau neu gegründet – mit neuem Ensemble und neuer Bühne. Seitdem findet der Spielbetrieb wieder regelmäßig statt.

Die Ausrichtung blieb dabei konstant: Gespielt wird für die lokale Bevölkerung ebenso wie für Gäste der Region.

Vereinsgründung und Organisation

1979 gründeten die Mitwirkenden den eigenständigen Verein Original Murnauer Bauerntheater e.V. Damit erhielt das Ensemble eine feste organisatorische Struktur.

Der Verein ist:

• Mitglied im Bayerischen Landesverein für Heimatpflege

• seit 1994 Mitglied im Verband Bayerischer Amateurtheater

Diese Einbindung unterstreicht die Bedeutung des Theaters innerhalb der bayerischen Amateurtheaterszene.

Fernsehaufzeichnung 1982: Ein besonderer Meilenstein

Zum 80-jährigen Jubiläum im Jahr 1982 wurde erneut „Die schöne Mirzl“ aufgeführt. Unter den Zuschauern befand sich Reinhold Vöth, damals Intendant des Bayerischen Rundfunks.

Er regte eine Fernsehproduktion an: Vom 16. bis 18. November 1982 wurde das Stück unter der Regie von Andreas Lippl vor Publikum aufgezeichnet.

Die Ausstrahlung im Bayerischen Fernsehen am 26. Juni 1983 machte das Murnauer Bauerntheater einem breiteren Publikum bekannt – eine seltene Anerkennung für ein Amateurensemble.

Spielbetrieb heute: Tradition und neue Stücke

Das Original Murnauer Bauerntheater bringt bis heute in der Regel jede Saison ein neues Stück auf die Bühne.

Die Mitwirkenden kommen aus Murnau und der Umgebung und engagieren sich neben ihrem Beruf über Monate hinweg in Proben und Aufführungen.

In der Spielzeit 2026 steht die Komödie „Da lacha ja d’Hehna“ auf dem Programm. Im Mittelpunkt steht ein Schönheitschirurg aus der Stadt, der im ländlichen Raum strandet. Bei den Dorfbewohnern regt sich Hoffnung, nun endlich wieder einen Arzt zu bekommen...

125 Jahre Murnauer Bauerntheater (2027)

Im Jahr 2027 feiert das Original Murnauer Bauerntheater sein 125-jähriges Bestehen.

Das Jubiläum steht für eine lange und kontinuierliche Theatertradition, getragen vom Engagement der Mitglieder und der Verbundenheit mit dem Publikum vor Ort.

Fazit: Lebendige Theatertradition in Bayern

Das Original Murnauer Bauerntheater ist mehr als ein traditionsreicher Verein. Es steht für eine Form des Theaters, die sich über Generationen hinweg behauptet hat, zwischen Brauchtum, Gemeinschaft und künstlerischer Kontinuität.

Zur Website des Murnauer Bauerntheaters

Typische Figuren des Bauerntheaters

1. Der Grantler

Er ist ein Dauergast auf der Bauerntheaterbühne: Der Grantler. Ein Mann, der grundsätzlich gegen alles ist. Er schimpft, wenn die Suppe zu heiß ist und schimpft, wenn sie kalt ist. Er lehnt jeden Vorschlag zunächst ab und tut am Ende doch das Richtige.

Im modernen Fernsehbauerntheater, etwa im Komödienstadel, wurde er zu einer zentralen komischen Figur. Im klassischen Volksstück bei Autoren wie Thoma oder Anzengruber spielte er dagegen keine tragende Rolle. Dort standen andere Typen im Mittelpunkt: Der machtbewusste Pfarrer, der korrupte Beamte oder der aufrechte kleine Bauer.

Der Grantler ist damit vor allem eine Figur der späteren populären Fernsehtradition.

2. Die Bäuerin / Wirtin

Wenn der Grantler brummt, hält die Bäuerin den Betrieb am Laufen. Sie führt den Hof, organisiert die Familie und setzt sich durch, wenn es nötig ist. In vielen Komödien des Bauerntheaters erscheint sie als resolute, pragmatische Figur, die den Überblick behält und auch ihren Mann in die Schranken weist.

Im ernsteren Volksstück kann dieselbe Figur jedoch ganz anders gezeichnet sein: Als überforderte Ehefrau, als Getriebene oder als jemand, der unter gesellschaftlichen Zwängen leidet. Beide Varianten existieren nebeneinander und zeigen unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe soziale Rolle.

3. Der Pfarrer

Im modernen Fernsehbauerntheater sitzt der Pfarrer oft mit am Stammtisch: Ein verständiger, vermittelnder Charakter, der zuhört, Konflikte entschärft und Fehler großzügig verzeiht.

Im klassischen Volksstück war das Bild deutlich komplexer und häufig kritisch. Bei Ludwig Anzengruber etwa tritt der Pfarrer als zentrale Konfliktfigur auf, geprägt von Autorität und moralischem Anspruch. Auch bei Ludwig Thoma erscheint er mitunter als machtbewusster Geistlicher, der seine Stellung politisch nutzt.

Die heutige, eher harmlose Darstellung hat sich vor allem im 20. Jahrhundert etabliert und steht neben diesen älteren, konfliktreicheren Varianten.

4. Der Dorfdepp

Er versteht alles falsch und handelt noch falscher. Er trägt den Eimer auf dem Kopf statt in der Hand, verwechselt Personen und Situationen und sorgt so für Missverständnisse und komische Verwicklungen.

Im Bauerntheater ist er eine klassische Slapstick-Figur, deren Dummheit gezielt zur Unterhaltung eingesetzt wird. Die Freude am tölpelhaften Charakter hat eine lange Tradition im Theater, auch wenn direkte historische Ableitungen nicht eindeutig belegt sind.

Seine Funktion ist klar: Er bringt Bewegung in die Handlung und liefert komische Momente durch unbeabsichtigte Fehler.

5. Das junge Liebespaar

Sie ist klug und anständig, er ist es ebenso. Doch ihre Verbindung stößt auf Widerstände: Eltern, soziale Unterschiede oder die Dorfgemeinschaft stehen ihrer Beziehung im Weg. Über mehrere Akte hinweg müssen sie sich behaupten und gegen äußere Hindernisse ankämpfen.

In der komödiantischen Tradition des Bauerntheaters endet die Geschichte meist versöhnlich: Das Paar findet zusammen.

Im literarischen Volksstück hingegen sind die Ausgänge offener und oft tragisch. Bei Anzengruber oder Thoma können Konflikte eskalieren und in Katastrophen münden. Damit zeigt sich die Spannbreite zwischen Unterhaltung und sozialkritischem Drama.

6. Der Wilderer

Er bewegt sich im Verborgenen, kennt die Wälder und entzieht sich der Kontrolle der Obrigkeit. In vielen Darstellungen erscheint der Wilderer als eine Art Freiheitsfigur, die sich gegen staatliche oder herrschaftliche Einschränkungen behauptet.

Historisch war das Wildern jedoch ein riskantes und nicht selten gewaltsames Unterfangen. Konflikte mit Förstern und Jagdaufsehern konnten tödlich enden.

Die Bühne greift diese Ambivalenz auf, betont aber häufig die romantische Seite des Wilderers als unabhängigen Einzelgänger mit eigener Moral.

7. Der Fremde aus der Stadt

Er kommt von außen und bringt eine andere Perspektive mit. Er kennt die lokalen Gepflogenheiten nicht, tritt selbstsicher auf und stößt damit auf Skepsis oder Ablehnung.

Ob als Preuße im 19. Jahrhundert, als Tourist oder als moderner Städter, die Figur variiert historisch, bleibt aber funktional gleich: Sie steht für den Gegensatz zwischen Außen und Innen, zwischen urbaner und ländlicher Lebenswelt.

Oft führt die Handlung dazu, dass der Fremde dazulernt und sich anpasst oder unverändert wieder abreist. In jedem Fall erzeugt er Reibung, die die Handlung in Gang hält.

8. Der Großbauer

Er verfügt über Land, Einfluss und wirtschaftliche Macht. Gleichzeitig wird er in vielen Stücken als Gegenspieler gezeichnet, der eigene Interessen rücksichtslos verfolgt.

Er setzt seine Position ein, um andere unter Druck zu setzen, Konflikte zu seinen Gunsten zu entscheiden oder familiäre Bindungen zu kontrollieren.

In komödiantischen Stücken verliert er am Ende häufig an Einfluss. In ernsteren Formen des Volksstücks bleibt der Ausgang jedoch offen und Machtverhältnisse werden nicht immer zugunsten der Schwächeren aufgelöst.

9. Knecht und Magd

Sie stehen im Hintergrund des Geschehens, sind aber meist gut informiert und aufmerksam. Die Magd tritt oft selbstbewusst auf, kommentiert Vorgänge und mischt sich in Entscheidungen ein. Der Knecht wird dagegen häufig als gutmütig und etwas unbeholfen dargestellt, aber ebenfalls als integraler Teil des Geschehens.

Beide Figuren verfügen in vielen Stücken über eigene kleine Handlungsstränge, insbesondere in Liebes- oder Alltagskonflikten.

Funktional erinnern sie weniger an einen klassischen Chor als vielmehr an eigenständige Nebenfiguren, die das Geschehen ergänzen und kommentieren.

10. Der Gendarm / Beamte / Bürgermeister

Er repräsentiert die Obrigkeit. Seine Erscheinung ist oft durch Uniform, Ordnungssinn und Autorität geprägt. In komödiantischen Stücken wird er regelmäßig in seiner Rolle unterlaufen oder überlistet.

Im ernsteren Volksstück kann sich dieses Bild jedoch umkehren: Dort treten Beamte und Amtsträger mit tatsächlicher Durchsetzungskraft auf und bestimmen den Ausgang der Handlung maßgeblich.

Die Darstellung schwankt somit zwischen komischer Karikatur und realer Machtinstanz, abhängig vom jeweiligen dramaturgischen Kontext.

11. Der Viehhändler / Rosshändler

Er kommt nicht oft – aber wenn er kommt, wird es teuer. Der Viehhändler taucht auf dem Hof auf, lobt lautstark die Kuh, die er gar nicht kaufen will, und verkauft dem Bauern am Ende ein Pferd, das hinkt. Er kennt die Preise, er kennt die Menschen, und er weiß genau, wann er schweigen und wann er reden muss.

Als Episodenfigur hat er selten viel Text – aber er bringt Bewegung in die Handlung. Er ist der Mann von außen, dem man nicht ganz traut, und der genau deshalb funktioniert: Der Bauer glaubt, ihn zu durchschauen, und wird trotzdem übervorteilt. Oder er dreht den Spieß um und schlägt den Händler mit seinen eigenen Mitteln.

Die Figur lebt vom Misstrauen beider Seiten – und vom Vergnügen des Publikums, das beiden dabei zusieht.

12. Der Boandlkramer

Er ist die Personifikation des Todes im bayerischen Volksstück – jedoch ohne düstere Überhöhung. Der Boandlkramer erscheint als schlichter Krämer mit Wagen, der Seelen einsammelt und dabei eine ruhige, fast gelassene Haltung einnimmt.

Sein Auftreten ist lakonisch, seine Präsenz unvermeidlich. Gleichzeitig zeigt er sich nicht unnahbar: In Geschichten wie der vom Brandner Kaspar lässt er sich sogar zu einem Kartenspiel überreden.

Diese Figur verbindet das Übernatürliche mit einer volkstümlichen, entdramatisierten Darstellung des Todes und gehört zu den bekanntesten archetypischen Gestalten der regionalen Theatertradition.

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