August Finsterlin
August Finsterlin
August Finsterlin
Ein Münchner, finnische Holzbretter und der Schliersee
„Einsteigen bitte“, ruft der Schaffner mit tiefer und lauter Stimme am Münchner Zentralbahnhof kurz, energisch und über den ganzen Bahnsteig hallend, und wieder „einsteigen bitte“, während er die Türen kontrolliert und den Reisenden noch beim Gepäck behilflich ist. Es ist ein kalter Januar Morgen an einem Sonntag im Jahr 1900. Am Bahngleis ist es voll, denn die Münchner wollen zum Schliersee, sie haben das Skifahren entdeckt. Genau genommen ein Münchner, ein Buchhändler mit Namen August Finsterlin (1846 bis 1927).
August Finsterlin wurde Ende der 1880er Jahre auf die damals typischen langen finnische Holzski aufmerksam, mit denen sich die Menschen dort geschickt und praktisch durch den tiefen Schnee bewegten. Wie genau er darauf aufmerksam wurde, ist in den historischen Quellen nicht eindeutig dokumentiert. Ob durch Bücher, Zeitungsartikel, berufliche Kontakte oder wie auch immer, jedenfalls erfuhr er davon und die Leidenschaft für „die Schnee- Bretter, die die Welt bedeuten“ war entfacht. Und wie Finsterlin in den Besitz solcher Bretter gekommen ist, ob er sie selbst in Finnland gekauft oder sich hat mit bringen oder schicken lassen, dieses Detail ist eben so unsicher wie die Frage, ob er sein neu erworbenes Fortbewegungs- bzw. Sportmittel zuerst im Englischen Garten am Monopteros, oder aber in seiner neuen Wahlheimat am Schliersee getestet hat.
Es ist rauchig am Münchner Bahnsteig. Die Januarkälte verstärkt den Geruch der Kohle, die die Lokomotive ins Rollen bringt, sobald der entsprechende Kesseldruck erreicht ist. Der Schaffner in seiner dunklen Uniform mit Mütze läuft entlang des Zuges, klopft an die Türen und ruft erneut: „Einsteigen! Einsteigen bitte!“ Die Leute drängen sich hinein, Koffer werden hochgehievt. Dann ein schriller, kurzer Pfiff von der Handpfeife. Vorne auf der Lok antwortet der tiefe Dampfpfiff, es zischt und der Zug setzt sich ruckelnd in Bewegung, begleitet vom Ruf des Schaffners: „Vorsicht bei der Abfahrt!“. So eine Fahrt war laut und rauchig– aber sicher aufregend! Ein echtes Abenteuer, das die Münchner in die "Wiege des Skisports" brachte, an den Schliersee.
Schliersee gilt als einer der ältesten Wintersportorte Deutschlands. Und August Finsterlin trug erheblich dazu bei. Der Münchner zog im Jahr 1891 nach Fischhausen am Südufer des Schliersees. Er kaufte dort einen traditionellen Bauernhof, den Högerhof, und zog samt seinem Verlag und seiner Buchhandlung ins bayerische Oberland. Später wurde aus dem umgebauten Hof das Hotel Finsterlin für Wintersportler und Touristen, was ein wichtiger Schritt für den aufkommenden Wintertourismus in der Region sein sollte. Neben Hotel und Gasthof und Verlag veröffentlichte er 1895 eine der ersten Skizeitschriften im deutschsprachigen Raum: „Der Schneeschuh“. Sieben Jahre später bot Finsterlin den ersten organisierten Skikurs in Fischhausen an.
Der Rauch weht vorbei, der Wind pfeift, und der Zug beschleunigt. Ein Ticket in der 3. Klasse kostete um 1900 für die Strecke München–Schliersee etwa 1–2 Mark, das entspricht heute ungefähr 6–12 Euro. Im Zug ist es eng, die Sitze sind gepolstert, aber hart – für die 1–1,5-stündige Fahrt nach Schliersee über Holzkirchen, gerade erträglich. Es riecht nach Tabak und Brotzeit. Mit im Zug ist eine junge Münchnerin aus gutem Hause. Im Abteil sitzen schon zwei andere Damen – eine Lehrerin aus Schwabing und eine Witwe aus der Au. Sie kichern aufgeregt, zeigen einander ihre dicken Wollstrümpfe und die neuen Skischuhe, die sie extra haben anfertigen lassen. Die Herren im Nachbarabteil schauen neugierig herüber, aber niemand wagt eine spöttische Bemerkung, auch wenn der Wintersport für Frauen zu der Zeit noch eher ungewöhnlich war. So ergibt sich eine bunt gemischte Ausflüglertruppe, etwa zehn Personen sind es insgesamt.
Die Sonne steht bereits über den verschneiten Hängen der Bodenschneid. Der Schliersee liegt noch im Schatten, stellenweise glatt zugefroren und von einer dünnen Schneeschicht überzogen. Die Skisportneulinge sind am Bahnhof Fischhausen-Neuhaus angekommen. Gekleidet in dicken Wolljankern, Kniebundhosen, schweren Stiefeln und mit pelzverbrämten Mützen, die Damen im Lodenrock. Manche haben sich eigens von August Finsterlin Skier schicken lassen, andere bringen ihre eigenen mit. Finsterlins Holzbretter aus Finnland maßen wohl stolze 3 m und 20 cm. Die Vorläufer der heutigen hochtechnisierten, aus Carbon oder Kunststoff leichten, etwa 180-210 cm langen Langlaufski waren sehr lang, meist 220–280 cm und teils eben sogar über 3 Meter. Damals lautete die Faustregel : Deutlich länger als die Körpergröße, vor allem wegen der Gleitfähigkeit im Tiefschnee. Sie waren meist aus Massivholz, mit ca. 4 – 6 cm relativ schmal und mit kaum ausgeprägter Taillierung, eine Vorspannung war vorhanden, die Bindungen bestanden aus Leder, Weidenruten oder Metallklammern. Also eher ein Ski für den ursprünglichen Sinn, für Jagd und Militär, weniger für den sportlichen Spaß. Aber das sollte die Freude bei der neuentdeckten körperlichen Betätigung nicht schmälern.
Die Gruppe bindet die Skier auf die Rucksäcke, jeder nimmt seinen einen langen Stock aus Haselholz und dann marschieren sie los. Vom Högerhof in Fischhausen geht es zunächst auf festgetretenen Wegen talauswärts, dann über eine Brücke und langsam bergauf auf alte Almwege, wie sie oberhalb des Tales zu finden sind. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, die sehr kalte Luft formt kleine Wolken beim Ausatmen. Die Damen und Herren aus der Stadt keuchen schon nach dem ersten Anstieg, aber die Stimmung ist prächtig – es wird gescherzt, geraucht und von den Erlebnissen des letzten Ausflugs erzählt.
Nach zwei Stunden erreichen die Wintersportler offene Almflächen. Der dichte Wald lichtet sich, die Hänge werden weiter, die verschneite Landschaft öffnet sich. Hier werden die Skier angelegt. Die Münchner kämpfen noch mit den Lederriemen und den groben Bindungen, die nur die Stiefelspitze halten – da heißt es vorsichtig sein, dass einem der Fuß nicht herausrutscht. Finsterlin zeigt noch einmal den Telemark-Schritt, den er sich in all den Jahren selbst angeeignet hat, und wie man den Stock richtig einsetzt, um nicht kopfüber den Hang hinunterzukullern.
Dann geht’s los. Zuerst über eine sanfte Wiese, um ein Gefühl für die Bretter zu bekommen. Trotzdem enden die ersten Abfahrten meist im Schnee – ein Herr aus Schwabing überschlägt sich gleich dreimal und lacht dabei so laut, dass es durch das ganze Tal hallt. Aber schon nach wenigen Versuchen gleiten sie besser, ziehen erste Schwünge, und man hört Rufe wie „Herr Finsterlin, schauen’s, es geht!“
Der Höhepunkt ist eine lange, gleichmäßige Abfahrt über verschneite Almwiesen zurück ins Tal. Der Schnee ist pulvrig, die Sonne knallt auf die Hänge und für ein paar Minuten fühlt es sich für die Wintersportneulinge an wie Fliegen. Die Gruppe fährt in einer lockeren Kette, einer hinter dem anderen. Unten am Waldrand sammeln sie sich wieder, atemlos, mit schneegezuckertem Kopf und einem Lächeln, das alles sagt.
Am Abend zurück in Fischhausen sitzen noch alle im Wirtshaus beisammen. Die Skier lehnen draußen an der Wand, und drinnen wird bereits der nächste Ausflug geplant.
So oder sehr ähnlich könnte ein typischer Gruppenausflug mit August Finsterlin stattgefunden haben – abenteuerlich, gesellig, lehrreich und voller Pioniergeist. Und das sollte erst der Anfang einer ausbaufähigen Langlauf-Leidenschaft für viele sein.