Bauen, Feuer und Material

Steinmetz: Von der Bauhütte zur spezialisierten Restaurierung

Aufgabe und Bedeutung: Steinmetze prägten Kirchen-, Kloster- und Profanbauten; sie fertigten Werksteine, Portale, Grabmale, Wappen und Bauteile. In einer Region mit starkem kirchlichem und repräsentativem Bauwesen (Klöster, Wallfahrt, Residenzstadt München) war Steinbearbeitung lange ein Hochstatushandwerk.

Warum schrumpfte das Berufsbild?

  • Materialinnovation: Beton, Stahl, industrielle Baustoffe und Fassadensysteme reduzierten den Anteil klassischer Natursteinbearbeitung am Neubau.

  • Mechanisierung: CNC-Technik, Diamantsägen, industrielle Steinwerke verschieben Wertschöpfung in größere Betriebe.

  • Neue Nachfrageprofile: Relevanz bleibt v. a. bei Denkmalschutz, Grabmalgestaltung und hochwertiger Innenarchitektur.

Tradition heute

Steinmetzarbeit erscheint in Oberbayern häufig als „sichtbare Erinnerung“: Restaurierungen an historischen Gebäuden sowie Friedhofskultur halten die ästhetische Symbolik des Berufs präsent – auch wenn der Alltag nicht mehr von Bauhüttenlogik geprägt ist.

Schmied und Wagner: Herzstücke einer vormotorisierten Mobilität

Aufgaben und Bedeutung:

Schmied: Hufbeschlag, Werkzeuge, Beschläge, Reparaturen – eine Schlüsselfunktion in Agrar- und Transportökonomie.

Wagner: Herstellung und Wartung von Wagen, Rädern, Deichseln – ohne Wagner keine belastbare Güterlogistik im ländlichen Raum.

Smiths and anvil. Jost Amman Ger. 1539-91 woodcut

Warum verschwanden diese Berufe aus der Fläche?

  • Motorisierung und Standardteile: Traktor, Lkw, Auto und industrielle Ersatzteilproduktion beendeten die lokale Reparaturökonomie für Holzfahrzeuge.

  • Werkstoffwechsel: Metallfelgen, Gummi, später Verbundstoffe; Holzrad und Holzfahrwerk wurden Spezialfälle.

Nostalgie und Traditionspflege

Im Freilichtmuseum Glentleiten wird „altes Handwerk“ bewusst als Arbeitsweltgeschichte vermittelt – ausdrücklich auch am Beispiel des Wagners und anderer historischer Berufe, die „heute vielfach in Vergessenheit geraten sind“.
Das ist typisch für Oberbayern: Die Erinnerung an Schmied und Wagner lebt weniger im Alltagsbedarf als in Vorführwerkstätten, Vereinswesen, Handwerksmärkten und der Denkmalpflege.

Schindelmacher und Ziegelmacher: Gebäudehüllen zwischen Regionalität und Normung

Aufgabe und Bedeutung:

  • Schindelmacher fertigten Holzschindeln als traditionelle Dach- und Fassadenbekleidung, besonders im Alpenraum: reparierbar, regionaler Rohstoff, angepasst an Baukultur.

  • Ziegelmacher organisierten lokale Baustoffversorgung (Ziegel/Backsteine) – oft nahe Lehmvorkommen und mit starkem Saisoncharakter.

Warum starben die klassischen Formen aus?

  • Brandschutz- und Versicherungslogik sowie Standardisierung begünstigten industriell hergestellte, normierte und „berechenbare“ Baustoffe.

  • Kostendruck durch Serienproduktion und Logistik machte lokale Kleinproduktion unattraktiv.

  • Neue Baustile (Putzfassaden, Platten, Metall- und Bitumendächer) verdrängten sichtbares Holz.

Was bleibt

Schindeln sind in Oberbayern heute vor allem Denkmalpflege-, Regionalästhetik- und Premiumlösung – also ein Wissen, das fortbesteht, aber seinen Massenmarkt verloren hat.

Maurer, Zimmerer, Schreiner: Nicht verschwunden – aber radikal umgebaut

Diese Berufe existieren weiterhin, doch das historische Berufsbild (kleinräumige Baustellenlogik, hoher Reparaturanteil, regionale Materialketten) wurde stark verändert: Fertighaus- und Modulbau, industrielle Vorfertigung, neue Normen und digitale Planung verschieben Kompetenzen. Auch hier ist die kulturelle Symbolik stark: Der „Zimmerer“ steht im Alpenraum weiterhin für Holzbaukompetenz und regionale Baukultur – selbst wenn die Baustelle heute mit Kran, CNC-abbund und Software organisiert wird.

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