Bergrettung an der Notkarspitze vor 25 Jahren

Notkarspitze im Winter

Als bei der Oberammergauer Bergwacht der Notruf eingeht, ist der junge Schneeschuhwanderer schon eine Nacht lang vermisst. Die eisigen Februartemperaturen im Tal und die schon verstrichene Zeit erschweren dem Einsatzleiter Stephan Lang die Hoffnung auf eine erfolgreiche Rettung. Dennoch steht vor allem die dringende Motivation zum Auffinden des Vermissten als eine Art Ehrenkodex eines Bergwachtlers.

Zu der damaligen Zeit, als sich die Rettungsaktion ereignet, können verschwundene Personen nur sehr ungenau oder auch gar nicht geortet werden. Die technischen Möglichkeiten sind noch sehr eingeschränkt. So geht dem eigentlichen Bergwachteinsatz eine polizeiliche Suche nach einem abgestellten und verwaisten Auto voraus, um die tatsächliche Anwesenheit des Vermissten zu bestätigen und den Aufstiegsbereich einzugrenzen.

Die schwierige Wetterlage und die einsetzende Dunkelheit erschweren den drei Teams der Bergwacht den Aufstieg enorm – eine Inversionslage, die die Temperaturen von Berg und Tal umdreht, lässt den Schnee aufbrechen, weich werden und abrutschen. Alle Schneeschuhe, die in Oberammergau aufzutreiben sind, werden in einer großen Aktion zur Einsatzstelle gebracht und an das Team der Bergwacht verteilt.

Vom am Einsatz beteiligten Militärhubschrauber aus lassen sich im Scheinwerferlicht einige Rutschen und kleinere Abgänge am steilen Gelände der Notkarspitze zur Kuhalm hin erkennen.

Am zweiten Tag der Suche nehmen sich die Rettungsteams, verstärkt durch die Bergwacht Bad Kohlgrub und Unterammergau, eine Hundestaffel und einen Polizeihubschrauber, prioritär die Rutschkegel und Lawinenabgänge im unwegsamen Gelände wie Jagdsteige vor. Mit Hilfe des Hubschraubers können diese Sekundärwege aus der Luft gefahrlos überprüft werden. Dabei entdeckt die Hubschrauberbesatzung einen relativ großen Rutschkegel, gekrönt von einem Bergschuh. An eine Lebendbergung ist nun fast nicht mehr zu denken.

Bei der fotografischen Dokumentation des Unfallhergangs bemerkt der Polizeibeamte eine Bewegung des im Schnee steckenden Schuhs. Er lässt die Kamera fallen und ruft das Rettungsteam zu sich: „Der Schuh bewegt sich, fangt zu graben an.“

In dieser Geschichte bestätigt sich der Korpsgeist der Bergwacht, hartnäckig zu sein und lieber länger zu suchen als früher aufzugeben. „Ein Vermisster kann doch nicht vom Erdboden verschwinden…“

Es ist ein Riesenglück und auch der Aufopferungsbereitschaft der ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen zu danken, dass der junge Mann nach einer so gelungenen wie auch dramatischen Rettungsaktion wieder mitten im Leben steht und an einem Stadtmarathon teilnehmen kann.

Der Beitrag entstand aus einem Gespräch mit Stephan Lang von der Bergwacht Oberammergau. Vielen Dank!

 

Text von Julia Bezucha

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