Die Rückkehr der Weißstörche
Der Weißstorch
Die Rückkehr der Weißstörche
Eine Erfolgsgeschichte auf langen Beinen
Wenn im Frühjahr auf Hausdächern, Kirchtürmen und hohen Bäumen wieder das Klappern der Weißstörche zu hören ist, beginnt im Oberland die Brutsaison. Besonders im südlichen Ammerseebecken haben sich die großen Vögel in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark ausgebreitet. Raisting ist dabei zum Mittelpunkt einer Entwicklung geworden, die selbst erfahrene Storchenbeobachter überrascht hat.
Informationen
Wo leben Weißstörche im Oberland?
Vor allem im südlichen Ammerseebecken, besonders rund um Raisting und Polling.
Warum fühlen sie sich hier wohl?
Offene Wiesen, Feuchtflächen und Gräben bieten ausreichend Nahrung und geeignete Brutplätze.
Wann sind sie zu sehen?
Die meisten Störche kehren im Frühjahr zurück. Einige bleiben inzwischen auch im Winter in der Region.
Wie entwickelt sich der Bestand?
Nach starken Rückgängen haben sich die Bestände in Bayern und im Oberland deutlich erholt.
Was bleibt wichtig?
Der Schutz von Wiesen, Feuchtflächen und sicheren Horsten sowie die Vermeidung von Gefahren durch Stromleitungen, Verkehr und Müll.
Von einem einzelnen Storch zur Kolonie
Der erste Weißstorch ließ sich 2004 in Raisting nieder. Der Vogel stammte nach Angaben der örtlichen Storchenbetreuung aus dem Raum Straßburg. Bald kam eine Partnerin hinzu, später folgte ein zweites Brutpaar. Ab 2010 waren mindestens drei Paare im Ort ansässig. Von diesem Zeitpunkt an spricht man von einer Koloniebildung.
Inzwischen ist aus den ersten Ansiedlungen eine der auffälligsten Weißstorchkolonien der Region entstanden. Anfang Juli 2026 waren in Raisting 37 Horste von Paaren besetzt, in Polling weitere 18. Insgesamt wurden im Landkreis Weilheim-Schongau 81 Horstpaare erfasst. Im benachbarten Landkreis Garmisch-Partenkirchen kamen drei Paare hinzu: zwei in Murnau und eines in Uffing. Anfang Juni befanden sich in den Nestern beider Landkreise rund 200 Jungstörche. Nach einer längeren Regenperiode sank die Zahl bis Mitte Juni auf etwa 185.
Störche siedeln sich bevorzugt dort an, wo bereits andere Paare erfolgreich brüten – und das ist kein Zufall. Die Zugvögel kommen auf ihren Reisen weit herum. Besetzte Horste zeigen ihnen, dass eine Gegend grundsätzlich als Brutgebiet geeignet ist, denn es gibt sichere Nistplätze, ausreichend Nahrung und offenbar gute Bedingungen für die Aufzucht der Jungen.
Der entscheidende Lebensraum liegt unterhalb des Horstes
Nisthilfen allein helfen den Störchen nicht bei ihrer Vermehrung. Entscheidend ist das Umfeld. Weißstörche suchen ihre Nahrung überwiegend zu Fuß auf offenen Wiesen, in Flussauen, an Gräben und auf feuchten Flächen. Sie fressen keine bestimmten Lieblingstiere, sondern nutzen das, was gerade leicht erreichbar ist, wie zum Beispiel Regenwürmer, Insekten, Mäuse, Amphibien, Schnecken und andere Kleintiere.
Raisting und das südliche Ammerseebecken bieten dafür günstige Voraussetzungen. Große Teile der Landschaft bestehen aus Dauergrünland. Die Flächen sind weitgehend eben und übersichtlich, sodass die Störche während der Nahrungssuche mögliche Gefahren früh erkennen können. Zugleich gibt es noch zahlreiche landwirtschaftliche Familienbetriebe, die kleinere Wiesen zu unterschiedlichen Zeitpunkten bewirtschaften.
Dadurch entsteht ein Flickenteppich, bei dem die eine Wiese noch hoch im Gras steht, auf einer anderen wird gerade gemäht, während wenige hundert Meter weiter der neue Aufwuchs beginnt. Für den Storch bedeutet das, dass über einen längeren Zeitraum immer wieder offene Flächen entstehen, auf denen er Beutetiere erreichen kann. Der Schutz des Weißstorchs hängt deshalb weniger von einzelnen Nestern als von der Erhaltung abwechslungsreicher Wiesenlandschaften, Feuchtflächen, Gräben und ungenutzter Ränder ab.
Vom Sorgenkind zur Erfolgsgeschichte
Noch vor wenigen Jahrzehnten war der Weißstorch in Bayern äußerst selten. Als 1984 ein eigenes Schutzprogramm begann, gab es im Freistaat weniger als 60 Brutpaare. Damals galt die Art als vom Aussterben bedroht. Geschützt wurden deshalb nicht nur die Horste. Das Programm kümmerte sich auch um Nahrungsflächen, Feuchtwiesen und Überschwemmungsgebiete. Ehrenamtliche Horstbetreuer beobachteten jedes Jahr, welche Nester besetzt waren und wie viele Junge aufwuchsen.
Die Maßnahmen zeigten Wirkung. 2016 konnte der Weißstorch von der bayerischen Roten Liste genommen werden. Für das Jahr 2025 nennt der LBV knapp 1.600 Brutpaare in Bayern. Der Bestand gilt heute als gesichert, der Weißstorch bleibt aber dennoch eine besonders geschützte Art um den Bestand langfristig zu sichern.
Neue Nisthilfen werden deshalb nur noch gezielt errichtet. Viel häufiger geht es heute darum, problematische Ansiedlungen zu entschärfen. Störche bauen ihre Horste auf Bäumen, Hausgiebeln, Kaminen, Masten und gelegentlich an Orten, an denen es für Tier und Mensch gefährlich werden kann. Bei Nestern auf Strommasten arbeiten Naturschutz und Netzbetreiber zusammen. Leitungen und Isolatoren können abgedeckt oder zusätzlich gesichert werden, damit die Vögel keinen Stromschlag erleiden.
Nicht alle Störche fliegen bis Afrika
Der Weißstorch gilt als klassischer Zugvogel. Dennoch verhalten sich längst nicht alle Tiere gleich. Manche bleiben das ganze Jahr über in der Region. Sie werden als Standvögel bezeichnet. Andere ziehen nur bis zum Bodensee, in die Schweiz, nach Vorarlberg, Frankreich oder Spanien. Erst die Langstreckenzieher legen mehrere Tausend Kilometer zurück und erreichen ihre Wintergebiete in Afrika.
Für die Reise nutzen Weißstörche zwei große Routen. Die Westzieher fliegen über Frankreich und Spanien zur Straße von Gibraltar. Die Ostzieher gelangen über den Balkan und den Bosporus nach Afrika. Eine direkte Überquerung des Mittelmeers vermeiden sie nach Möglichkeit. Störche sind Segelflieger: Sie lassen sich von warmen Aufwinden nach oben tragen und gleiten anschließend weiter. Über großen Wasserflächen fehlt diese Thermik weitgehend.
Auch im Oberland zeigt sich, dass sich die Zugwege verkürzen. Die besenderte Störchin Hui Buh, die auf dem Raistinger Heimatmuseum brütet, überwinterte zunächst mehrere Jahre im Nordosten Spaniens. Später flog sie nur noch bis in die Westschweiz, den Winter 2025/26 verbrachte sie schließlich im Vorarlberger Rheindelta. Nach einem starken Schneefall im Februar wich sie für einige Tage in Richtung Bodensee aus und kehrte anschließend nach Raisting zurück.
Der Vorteil einer kürzeren Reise liegt auf der Hand: Je weniger Kilometer ein Vogel zurücklegt, desto seltener begegnet er Stromleitungen, Unwettern, fehlenden Rastplätzen oder anderen Gefahren. Mildere Winter erleichtern es den Störchen zudem, in Mitteleuropa Nahrung zu finden. Nicht die Kälte allein ist das entscheidende Problem, sondern eine geschlossene Schneedecke. Liegt zu viel Schnee, erreichen die Tiere Mäuse und andere Beute nicht mehr.
Ringe und Sender erzählen ihre Geschichten
Um mehr über die Wege der Tiere zu erfahren, werden junge Störche beringt. Die Nummer auf dem Ring ermöglicht es, einen Vogel später wiederzuerkennen. Moderne Sender liefern zusätzlich Informationen über Aufenthaltsorte, Zuggeschwindigkeit und Winterquartiere. https://www.lbv.de/ratgeber/naturwissen/tier-webcams/weissstorch-webcam/
https://www.lbv.de/naturschutz/artenschutz/voegel/weissstorch/storchenkarte/
Im Jahr 2026 wurden in Fischen, Raisting und Weilheim insgesamt 67 Jungstörche beringt. 18 von ihnen erhielten zusätzlich einen kleinen Sender. Diese Sender werden inzwischen teilweise wie ein Ring am Bein befestigt und über Solarmodule mit Energie versorgt. Die gewonnenen Daten helfen der Forschung dabei, Zugwege und Gefahrenstellen genauer zu bestimmen. Sie zeigen aber auch, wie unterschiedlich sich einzelne Tiere verhalten. Selbst Geschwister aus demselben Horst können später verschiedene Wege einschlagen.
Die ersten Wochen sind besonders gefährlich
Zur Fortpflanzung kehren Störche oft an bekannte Horste zurück. Das Nest wird jedes Jahr ausgebessert und kann mit der Zeit zu einem mächtigen Bau aus Ästen, Gras, Erde und allerlei Fundstücken anwachsen. Nach der Paarbildung legt das Weibchen meist mehrere Eier; beide Altvögel brüten und füttern. Der Bruterfolg hängt stark vom Wetter ab.
Trotz der gestiegenen Bestände bleibt die Aufzucht der Jungen riskant. Im Oberland ist das Wetter eine der größten Gefahren. Mehrtägiger Regen und niedrige Temperaturen können Nestlinge stark auskühlen. Besonders empfindlich sind Jungvögel, die bereits zu groß sind, um vollständig unter dem Gefieder der Eltern Schutz zu finden, deren eigenes Gefieder aber noch nicht ausreichend vor Nässe schützt.
Hinzu kommen Stromschläge, Kollisionen mit Leitungen oder Fahrzeugen und Auseinandersetzungen um Brutplätze. Fremde Störche greifen gelegentlich besetzte Horste an. Dabei können Eier oder Jungvögel aus dem Nest geworfen werden. Mit der wachsenden Zahl an Störchen nehmen auch die Kämpfe um besonders geeignete Standorte zu.
Eine unscheinbare Gefahr beginnt sogar im eigenen Haushalt. Gummibänder, mit denen Gemüse oder Blumen gebündelt werden, können über falsch entsorgten Biomüll auf Kompostflächen und Wiesen gelangen. Störche halten sie offenbar für Regenwürmer. Im Magen können sich die Gummis zu festen Knäueln verbinden, die Verdauung blockieren und dazu führen, dass ein Tier trotz gefüllten Magens verhungert. Gummibänder gehören deshalb immer in den Restmüll.
Helfen mit Augenmaß
Nicht jeder junge Storch, der auf einer Wiese oder einem Hof steht, braucht Hilfe. Während der ersten Flugversuche landen Jungvögel häufig unbeholfen am Boden und ruhen sich dort aus. Erst wenn ein Tier offensichtlich verletzt ist, nicht stehen kann oder sich in einer akuten Gefahrensituation befindet, sollte die zuständige Storchenbetreuung, die Naturschutzbehörde vor Ort oder eine erfahrene Wildvogelstation verständigt werden.
Dauerhafte Pflegeplätze sind selten. Weißstörche können mehrere Jahrzehnte alt werden und benötigen viel Raum, Futter und fachkundige Betreuung. Pflegestationen sind daher vor allem für Tiere gedacht, die nach einer Verletzung oder vorübergehenden Schwäche wieder ausgewildert werden können.
Steckbrief
Weißstorch (Ciconia ciconia)
Ordnung: Storchenvögel (Ciconiiformes)
Familie: Störche (Ciconiidae)
Gattung: Eigentliche Störche
Größe: 95 bis 110 Zentimeter
Flügelspannweite: bis zu 220 Zentimeter
Merkmale: Weißes Gefieder, schwarze Schwungfedern, rote Beine und roter Schnabel.
Lebensraum: Feuchte Wiesen, Weiden, Moore und Gewässer. Im Oberland gibt es größere Brutkolonien in Polling und Raisting.
Nahrung: Mäuse, Insekten, Regenwürmer, Frösche und Fische.
Brut: Meist zwei bis fünf Eier. Die Horste liegen häufig auf Dächern, Türmen oder Masten.
Verhalten: Weißstörche besitzen kaum eine Stimme. Zur Verständigung klappern sie mit dem Schnabel. Besonders gut ist dieses Verhalten bei der Begrüßung am Horst zu beobachten.
Zugverhalten: Ein Großteil der Störche zieht im Spätsommer nach Südeuropa oder Afrika. Einige Tiere überwintern inzwischen auch in Mitteleuropa.
Gefährdung: Der Verlust von Feuchtwiesen, intensive Landwirtschaft, Nahrungsmangel und ungesicherte Stromleitungen können den Bestand beeinträchtigen.
Text von Julia Bezucha