Ein fast wahrer Raunächte-Bericht – oder: Besser Obacht in der Raunacht!
Ein fast wahrer Raunchächte-Bericht
Ein fast wahrer Raunächte-Bericht – oder: Besser Obacht in der Raunacht!
Geschenke-Organisationsmarathon, Weihnachtsfeier-Hopping, Heilig-Abend-Familien-Tragödien-Schauplatz-Festlegungs-Hin-und-Her: Die staade Zeit hat mit Erholung meist wenig zu tun. Aber wem sag ich das? Beruhigenderweise ist das überall das Gleiche.
Aber egal. Es ist der 20. Dezember 2024. Die Kinder haben Ferien, ich kann von zu Hause arbeiten und mich endlich in Ruhe um die Wäscheberge und den in den Adventswochen sträflich vernachlässigten Haushalt kümmern.
Ich beginne mit dem Müll – der kommt zuerst raus. Auf dem Weg zur Tonne treffe ich meine Nachbarin. Ein kurzer, netter Ratsch, der das notwendige Übel etwas hinauszögert, kann nicht schaden. Aber irgendwann hilft’s nix mehr: „Du, jetzt muss ich. Die Wäsche ist dran.“
Den Satz habe ich kaum ausgesprochen, da kommt ein entsetzter Aufschrei – ja fast eine verbale Watschn:
„Ja spinnst denn du komplett!? Du weißt schon, was dann passiert!“
Meine Nachbarin, eine kleine Kräuter-Räucher-Hexe und bestens vertraut mit den Raunächte-Gepflogenheiten, erklärt mir, dass in dieser Zeit die sogenannten wilden Reiter unterwegs sind, die „Wilde Jagd“, sagt man. Geisterwesen, die unter anderem Leinentücher klauen und im Folgejahr als Leichentuch zurückbringen. Außerdem, sagt sie, wäscht man mit Wäschewaschen in den Raunächten gleich auch das Glück fürs kommende Jahr aus.
Ach ja – und da fällt ihr noch ein, dass ich ihr das Buch, das sie mir vor geraumer Zeit geliehen hat, bitte noch vor Heilig Dreikönig zurückgeben soll. Nicht, dass sie es bräuchte, aber das sei auch so eine Raunachtregel.
Der Glaube besagt, dass das Zurückgeben und Zurückfordern von Gegenständen oder Geld in dieser Zeit den Energiefluss für das kommende Jahr sichert. Eine Art, offene Rechnungen zu begleichen, bevor ein neues Jahr beginnt.
Während ich eine kleine Unterweisung in Brauchtum und Aberglauben bekomme, knattert mein ältester Sohn mit seiner Beta die Auffahrt herauf. „Was machst denn du da?“, frage ich den eher selten zu Hause anzutreffenden Erstgeborenen. Der kleine Bruder soll vom Hobby-Barber einen Haarschnitt bekommen: Seiten auf null und sauberer Übergang.
Jetzt haut’s meine Nachbarin fast von ihrem Eingangstrepperl – nicht vor Entsetzen über unsere Unkenntnis, sondern vor Lachen:
„Ja sagt’s a moi – ihr braucht’s an Raunächtekurs!“
Denn: Haare schneiden geht in den Raunächten auch nicht. Das bringt Unglück und sorgt angeblich fürs nächste Jahr für viele Kopfschmerzen.
Kleine Anmerkung am Rande: Für Finger- und Fußnägel gilt ebenfalls ein Kürzungsverbot, wer gerne auf Nagelentzündung verzichtet, sollte sich auch daran halten.
Wum!
Unser lehrreiches Gespräch wird von einem lauten Knall unterbrochen. Ein Windstoß hat die Haustür zugeknallt, die ich offen gelassen hatte, weil ich ja nur schnell den Müll rausbringen wollte, bevor ich mit meinem Vorhaben, die Wäsche zu waschen, beginne.
Und jetzt das noch! Eine weitere Überlieferung prophezeit , dass Türenknallen Hitze und Unfrieden ins Haus zieht.
Na ja, streng genommen war es ja der Wind und nicht ich. Vielleicht hab ich nochmal Glück gehabt.
Aber, oh Schreck – was mach ich mit meinem Haushaltschaos? Eine andere Raunachtregel sagt nämlich, dass Ordnung im Haus herrschen soll. Geister lieben das Chaos und fühlen sich von Unordnung geradezu angezogen. Ordnung hingegen hält sie fern und bereitet das Haus auf das neue Jahr vor.
Meine raunachtversierte Nachbarin war da klüger als ich: Sie hat schon alles erledigt, was zu erledigen ist.
Mir spielt glücklicherweise in die Karten, dass für manche die Raunächte bereits am Thomastag (21.12.) beginnen, für andere aber erst am Heiligen Abend. Ich wähle letzteres Datum als Start meiner ganz persönlichen Raunächte.
So schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich halte mich brav an die Raunachtregeln und somit jedes Unglück fern – und habe gleichzeitig noch ein bisschen Zeit, mein Chaos zu beseitigen.
Dann kann ich von Weihnachten bis Heilig Dreikönig endlich das tun, was im Sinne der Raunächte ist:
reflektieren, loslassen, ausrichten aufs Neue, innere Einkehr – und Ruhe gönnen, um danach wieder gestärkt in den üblichen Wahnsinn zu starten.
Überall das Gleiche.