Schäfflertanz
Wenn Oberbayern tanzt Schäfflertanz in Oberbayern Schäfflertanz in Partenkirchen Schäfflertanz in Murnau Mythologie
Wenn Oberbayern tanzt Schäfflertanz in Oberbayern Schäfflertanz in Partenkirchen Schäfflertanz in Murnau Mythologie
Der Schäfflertanz als gelebte Geschichte
Manchmal braucht es nur ein paar Takte Blasmusik, und aus einer ganz normalen Winterstraße wird eine Bühne der Erinnerung: rote Jacken, schwingende Reifen, ein Kasperl, der das Publikum ins Spiel zieht – und mittendrin ein Brauch, der Handwerk, Gemeinschaft und Festkultur auf besondere Weise verbindet. Der Schäfflertanz gehört zu den eindrucksvollsten lebendigen Traditionen Oberbayerns. Er ist zugleich Zunfterbe, öffentliches Ritual und ein Ereignis, das viele Orte nur in langen Abständen erleben – und gerade deshalb so stark wirkt.
Diese Artikel führt in Geschichte, Formen und Deutungen des Schäfflertanzes ein: von den Ursprungslegenden und frühen Belegen über die Figuren der Aufführung – Tänzer, Reifenschwinger, Fassschläger und Kasperl – bis zu der Frage, warum der Tanz bis heute mehr ist als Folklore. Denn selbst dort, wo kaum noch jemand beruflich Schäffler ist, bleibt die Botschaft aktuell: Zusammenhalt, Zuversicht und das Zurückerobern des öffentlichen Raums durch Musik, Ordnung und Humor.
Ein Schwerpunkt liegt auf dem Schäfflertanz in Oberbayern heute. Wir stellen moderne Trägergruppen und Vereine vor – vom Münchner Fachverein über lokale Traditionen etwa in Ismaning, Wasserburg, Murnau oder Kolbermoor bis zu eigenständigen Zyklen wie in Traunstein – und zeigen, wann sie aktiv sind: typischerweise im Tanzjahr von Anfang Januar (Heilig-Drei-König) bis in die Faschingszeit, teils bis in den späten Februar oder frühen März. Wer verstehen möchte, wie aus Handwerk Brauchtum wird – und warum es im 21. Jahrhundert weiterhin getragen, geprobt und gefeiert wird –, findet im Schäfflertanz einen der schönsten Schlüssel zu Oberbayerns Kulturgeschichte.
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Ein winterliches Ritual von Handwerk, Gemeinschaft und Kontinuität
An manchen Wintermorgen in Oberbayern kann sich das Straßenbild – fast unmerklich – um Jahrhunderte zurückverwandeln. Blasmusik biegt um die Ecke, Männer in roten Jacken und grünen Kappen formieren sich im Kreis, hölzerne Reifen (Reifen) blitzen in der kalten Luft, und ein „Kasperl“ löst die Formation, um die Zuschauer zu necken. Dies ist der Schäfflertanz, der traditionelle Tanz der Schäffler – der Fassmacher und Böttcher – deren Handwerk einst die Lagerung und den Transport von Bier, Wein und vieler lebenswichtiger Güter trug.
Heute gilt der Tanz vor allem als Münchner Tradition, doch sein kulturelles „Verbreitungsgebiet“ reicht über die altbayerische Landschaft hinaus, insbesondere in zahlreiche Gemeinden Oberbayerns. Seine anhaltende Anziehungskraft liegt darin, dass er Zunfterinnerung, bürgerschaftliches Erzählen, saisonales Ritual und lokale Identität verbindet– ein verkörpertes Kulturerbe, das sich bis heute den öffentlichen Raum aneignet.
Ursprünge: zwischen Legende und Archiv
Wie viele langlebige volkstümliche Traditionen besitzt der Schäfflertanz eine Gründungslegende – und eine komplexere Quellenlage.
Die bekannte Erzählung verortet den Tanz im Jahr 1517, während einer Pestepidemie: Die Schäffler hätten, so die Geschichte, tanzend die Straßen Münchens belebt, um die verängstigte Bevölkerung zurück ins öffentliche Leben zu locken und Vertrauen sowie Handel wiederherzustellen. Problematisch ist, dass diese Ursprungserzählung weithin als legendär gilt; moderne Darstellungen verweisen darauf, dass die frühesten archivalischen Belege für einen Münchner Schäfflertanz aus dem Jahr 1702 stammen und dass die Pestgeschichte offenbar später ausgestaltet wurde.
Unabhängig davon, ob die ersten Tänzer tatsächlich 1517 auftraten, ist die Symbolik der Geschichte – die Rückkehr des öffentlichen Lebens nach einer kollektiven Krise – Teil der überlieferten Bedeutung geworden. Sie erklärt auch, warum der Tanz weit über seinen ursprünglichen beruflichen Kontext hinaus Resonanz findet.
Warum alle sieben Jahre?
Eines der markantesten Merkmale des Schäfflertanzes ist sein Rhythmus: Er findet nicht jährlich statt, sondern in Zyklen. In München ist der Aufführungsbrauch seit dem 18. Jahrhundert an einen Siebenjahresturnusgebunden; häufig wird 1760 als Fixpunkt für die Etablierung dieses Turnus genannt.
Warum es „sieben“ Jahre sind, ist nicht abschließend geklärt—Deutungen reichen von Pestfolklore über die glücksbringende Zahl bis zu pragmatischen Regelungen von Zunftfesten. Kulturell entscheidend ist der Effekt: Der Tanz wird zu einem seltenen Ereignis. Erwartung baut sich über Jahre auf; die Teilnahme gilt als Auszeichnung; und die Erinnerung an den letzten Zyklus bleibt lebendig, gerade weil er nicht jeden Winter wiederkehrt.
Die Aufführung: Figuren, Rollen und das Spektakel der Disziplin
Der Schäfflertanz ist kein einzelner Tanz, sondern eine strukturierte Aufführung mit klar erkennbaren Rollen:
Tänzer, traditionell Gesellen des Handwerks;
Vortänzer, die die Figuren anleiten;
Reifenschwinger, die hölzerne Reifen schwingen—oft mit einem balancierten Glas als Demonstration der Kontrolle;
Fassschläger, die ein Fass im Takt schlagen und damit die Arbeit des Schäfflers anklingen lassen;
Kasperl, die für komische Unterbrechungen und lokale Satire sorgen.
Auch die Tracht ist Teil der Sprache der Tradition: rote Jacken, grüne Kappen, Leder- oder Schurzaprons sowie Kniebundhosen verweisen auf die historische Handwerksidentität, die den Tanz verankert.
Aus kulturhistorischer Sicht liegt die Faszination in der inszenierten Spannung: strenge Geometrie und kollektive Disziplin – Kreise, Kreuzungen, Kronen – stehen dem karnevalesken Regelbruch des Kasperls gegenüber. Diese Kombination lässt den Schäfflertanz zugleich als Zunftzeremoniell und als bürgerliches Fest erscheinen.
Die Verbreitung in Oberbayern
Der Schäfflertanz blieb nicht auf München beschränkt. Berichte über seine Ausbreitung verweisen auf die Mobilität des Handwerks selbst: wandernde Schäfflergesellen trugen den Brauch im 19. Jahrhundert weiter, und vielerorts wurde er als kommunale Tradition übernommen—häufig durch lokale Vereine wie Turnvereine und später Heimat- und Brauchtumsvereine.
So entstand in Oberbayern ein Mosaik von Schäfflertraditionen—einige synchron mit dem Münchner Siebenjahreszyklus, andere zeitlich versetzt oder anders organisiert. Diese Vielfalt ist Teil dessen, was den Schäfflertanz zu einer lebendigen Tradition macht, statt zu einer zentralisierten „Vorführung“.
Jahreszeitlichkeit: warum Winter, warum von Epiphanias bis Fasching?
In München ist der Schäfflertanz mit der Faschingszeit verbunden. Aktuelle Beschreibungen des nächsten Münchner Zyklus nennen ein Aufführungsfenster vom 6. Januar (Heilig-Drei-König) bis zum Faschingsdienstag im jeweiligen Tanzjahr.
Diese Zeitwahl ist bedeutsam: Der Tanz besetzt die Schwelle zwischen der Ernsthaftigkeit des Hochwinters und der gesellschaftlichen Lockerung des Faschings. Historisch lag er zudem in einer Phase, in der öffentliche Zusammenkünfte helfen konnten, das gemeinschaftliche Leben nach der Stille von Spätherbst und Advent wiederzubeleben.
Zeitgenössische Schäfflertanzgruppen in Oberbayern und ihre Aktivitätszeiträume
Im Folgenden Beispiele aktiver Gruppen und Organisatoren in Oberbayern mit den jeweils klar benannten Aufführungszeiträumen.
Die Münchner Aufführungen werden vom Fachverein der Schäffler Münchens organisiert, der sich als Träger des „Original Münchner Schäfflertanzes“ versteht.
Typische Saison (Tanzjahr): 6. Januar bis Faschingsdienstag.
Nächster regulärer Zyklus laut aktuellen Stadt- und Tourismusangaben: 2026.
Ismaning pflegt eine eigene Schäfflertanztradition, aufgeführt vom Bauerntheater Ismaning, und orientiert sich ausdrücklich am Siebenjahresturnus (mit historischen Ausnahmen).
Öffentlich genannte Termine für 2026: detaillierte Aufführungen ab 6. Januar 2026, weitere Termine 9.–11. Januar 2026 sowie „weitere Termine folgen“.
Die Wasserburger Schäfflertanzgruppe gibt an, dass die Tänzer alle sieben Jahre durch die Gassen Wasserburgs und der Umgebung ziehen, und nennt 2026 als nächstes Tanzjahr.
Typische Saison: auf der Startseite nicht vollständig aufgelistet, aber in Übereinstimmung mit oberbayerischer Praxis dem winterlichen Faschingszeitraum zugeordnet.
Die Murnauer Schäfflertanztradition wird als langjährig dargestellt (die lokale Seite datiert sie auf 1859).
Eine kulturhistorische Übersichtsseite nennt für 2026 einen Zeitraum vom 04.01. bis 23.02.2026.
Typische Saison (Tanzjahr): Anfang Januar bis Ende Februar.
Die Schäffleraktivitäten in Kolbermoor sind beim G.T.E.V. Immergrün Kolbermoor verankert, der prominent „Kolbermoorer Schäfflertanz 2026“ ankündigt.
Ein kommunaler Bericht beschreibt zudem die lokale Tradition und ihre Genehmigung im Siebenjahresturnus.
Typische Saison (Tanzjahr): Eine kulturhistorische Zusammenfassung dokumentiert für 2019 einen Beginn am 6. Januar mit Aufführungen bis Anfang März und nennt 2026 als nächstes Tanzjahr.
Traunstein verdeutlicht, dass nicht alle Schäfflertanztraditionen exakt dem Münchner Siebenjahresrhythmus folgen. Eine historische Darstellung zur Traunsteiner Tradition beschreibt die Rolle der Kolpingsfamilie bei Wiederbelebung und Inszenierung im 20. Jahrhundert und verweist zeitweise auf einen Zehnjahreszyklus.
Die Website der Kolpingsfamilie Traunstein nennt klar das nächste Tanzjahr 2027 („nächstes Tanzjahr 2027“).
Ein öffentlicher Beitrag bestätigt den letzten Aufführungstag am 22. Februar und verweist ebenfalls auf 2027, was die winterlich-faschingszeitliche Einordnung unterstreicht.
Anhaltende Bedeutung: warum der Schäfflertanz bis heute relevant ist
Der Schäfflertanz hat die wirtschaftliche Zentralität des Fassmacherhandwerks überdauert, weil er den Gemeinschaften mehr bietet als eine Handwerksvorführung:
Ein bürgerschaftliches Narrativ der Resilienz. Selbst als Legende fungiert die Pestgeschichte als geteilte Metapher: Auf Angst und Rückzug folgt die Rückkehr in den öffentlichen Raum – mit Musik, Bewegung und Lachen.
Generationenübergreifende Weitergabe durch Vereine. Viele Gruppen sind heute in Theater-, Kolping- oder Heimatvereinen verankert und sichern so Kontinuität, auch wenn nur wenige Tänzer noch beruflich Schäffler sind – eine Anpassung, die in modernen Darstellungen ausdrücklich erwähnt wird.
Ritualisierte Seltenheit. Die mehrjährige Wartezeit macht jeden Zyklus zu einem Gemeinschaftsprojekt: Proben, Trachten, Routen, Auftrittsorte, Finanzierung und lokale Erwartungshaltung.
Identität im öffentlichen Raum. Der Tanz ist nicht auf eine Bühne beschränkt; er gehört auf Straßen, Plätze, in Wirtshäuser und Höfe – und wird so zur Aufführung von Ort und Gemeinschaft zugleich.
In Oberbayern erklärt diese Verbindung aus Handwerkserinnerung, winterlicher Festkultur und bürgerschaftlichem Miteinander, warum der Schäfflertanz zugleich vertraut und lokal unterschiedlich bleibt. Er wird nicht nur bewahrt, sondern immer wieder neu gestaltet – Gemeinde für Gemeinde, Zyklus für Zyklus.
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Ein lokales Brauchtum im überregionalen Kontext
Der Schäfflertanz von Partenkirchen gehört zu den lebendigsten und traditionsreichsten Bräuchen im oberbayerischen Raum. Trotz seiner Wurzeln in München hat diese spezielle Ausprägung des Zunfttanzes der Schäffler (Fassmacher) im Werdenfelser Land eine eigenständige Geschichte entwickelt, die Gemeinschaft, Erinnerung und kulturelle Identität verbindet.
Historische Wurzeln und lokale Entstehung
Der Schäfflertanz selbst ist ein historischer Zunfttanz, der ursprünglich in München entstand und seit dem 18. Jahrhundert traditionsgemäß im Siebenjahres-Turnus aufgeführt wird. Der Tanz sollte der Bevölkerung nach Zeiten von Not und sozialer Zurückgezogenheit wieder Lebensfreude und Mut schenken – eine Deutung, die sich aus der legendären Pestgeschichte herleitet.
In Partenkirchen reicht die spezifische Tradition des Schäfflertanzes fast zwei Jahrhunderte zurück. 1834 brachte ein Einheimischer namens Andreas Lidl, der das Fassmacherhandwerk in München gelernt hatte, den Tanz in seine Heimat zurück. Wegen des lokalen Leids unter der Pest und als Teil eines öffentlichen Gelübdes wurde der Brauch bald übernommen und regelmäßig gepflegt.
Vom Gelübdetanz zur Vereinsorganisation
Die erste Phase der lokalen Tradition sah die Bürger Partenkirchens als Hauptakteure. Bis etwa 1900 wurde der Schäfflertanz von der Bevölkerung aufgeführt, als eine lebendige Erfüllung des historischen Gelübdes. Konflikte im Jahr 1907 führten zur Gründung des „Spar- und Stopselclub Partenkirchen“ (1908), der seit 1914 die Organisation und Aufführung des Tanzes übernahm. Abgesehen vom Jahr 1942 (aufgeholt 1946) wurde der Tanz im traditionellen Siebenjahres-Turnus durch den Verein fortgeführt.
Das kulturelle Spektakel heute
Heute wird der Schäfflertanz in Partenkirchen von einem Schäfflertanzverein organisiert, der die Aufführung als kulturelles Ereignis pflegt. Die farbenfrohen Tänzer in historischen Kostümen, begleitet von der örtlichen Musikkapelle und dem Trommlerzug, bringen Geschichte auf die Dorfstraßen und Plätze.
Im Kern handelt es sich um einen Zunfttanz mit festen Figuren und einer klaren Abfolge, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Historische Rollen wie Tänzerinnen und Tänzer, Fahnentruppen oderhumorvolle Charaktere sind Teil dieser lebendigen Inszenierung, die oft mehrere Dutzend Mitwirkende umfasst.
Saison und Aufführungszeitraum
Der Schäfflertanz in Partenkirchen wird im Rahmen eines Siebenjahreszyklus angeboten. Die nächsten Aufführungen finden im Winter 2026 statt, beginnend mit dem Dreikönigstag (6. Januar) und laufend bis etwaFaschingsdienstag/Aschermittwoch im Februar. Die Termine werden von lokalen Vereinen und Veranstaltern genau koordiniert und beinhalten zahlreiche Auftritte an Wochenenden während der Saison.
Auch in benachbarten Orten wie Wallgau oder Krün treten die Partenkirchner Schäffler als Gastgruppen auf und verbreiten die Tradition im gesamten Werdenfelser Raum.
Bedeutung und gemeinschaftliche Identität
Die fortdauernde Bedeutung des Schäfflertanzes in Partenkirchen kann nicht allein durch seine historischen Ursprünge erklärt werden. Vielmehr ist er Ausdruck einer gemeinsamen Erinnerungskultur, die lokaleGeschichte, Handwerkstraditionen und soziale Verbundenheit auf lebendige Weise zusammenführt. Junge und alte Mitwirkende tragen den Tanz gemeinsam, und die mitwirkenden Musikanten und Tänzer schaffen eingemeinschaftliches Erlebnis, das Zuschauer wie Teilnehmende verbindet.
Diese kulturelle Praxis steht für mehr als ein historisches Schauspiel: Sie ist ein symbolisches Fest des Zusammenhalts, das lokale Identität performativ stärkt und die Geschichte auf öffentlichen Plätzen erfahrbarmacht.
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Der Schäfflertanz in Murnau: Ein lebendiges Brauchtum mit langer Geschichte
Der Schäfflertanz in Murnau am Staffelsee ist ein traditioneller Zunfttanz der Fassmacher, der in der Marktgemeinde seit 1859 gepflegt wird und damit zu den ältesten seiner Art in Bayern gehört.
Historische Wurzeln und lokale Entstehung
Die Wurzeln des Schäfflertanzes liegen in der alten Zunftkultur des Fassmacherhandwerks, das im 19. Jahrhundert auch in Murnau stark vertreten war. Überlieferungen zufolge brachte der sogenannte „Schaffler-Michl“ (Michael Pittrich) den Tanz aus München um 1842 nach Murnau, wo er 1859 erstmals belegt aufgeführt wurde.
Historische Quellen zeigen, dass viele Murnauer Fassmacher ihre Lehrzeit in München verbrachten und dort mit dem Tanz vertraut wurden – so gelangte der Brauch schließlich in den Staffelseeort.
Während die ältere Legende des Schäfflertanzes allgemein bis auf das Pestjahr 1517 in München zurückgeführt wird, beginnt die gesicherte lokale Tradition in Murnau mit der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Vom Zunfttanz zur gelebten Tradition
Seit der Erstaufführung hat sich der Schäfflertanz in Murnau zu einem beständigen Brauchtum entwickelt. Der Tanz wurde über mehr als 160 Jahre hinweg weitergegeben und erhielt im Laufe der Zeit eine feste organisatorische Grundlage durch den Verein zur Erhaltung des Murnauer Schäfflertanzes e. V. – eine Gemeinschaft, die sich der Pflege und Fortführung dieses historischen Brauchs widmet. Der Tanz orientiert sich formal am traditionellen Zunfttanz der Fassmacher und wird von vielen Teilnehmern getragen, die oft im Stammbaum selbst Verbindungen zum historischen Handwerk haben.
Das kulturelle Ereignis heute
Der Schäfflertanz in Murnau wird alle sieben Jahre im Winter aufgeführt und zieht während seiner Saison zahlreiche Zuschauer in den Markt am Staffelsee.
Während der Tanztage marschieren die Schäffler in ihren traditionellen Kostümen – darunter die charakteristischen roten Jacken, grünen Kappen und die buchsgebundenen Reife – zu musikalischer Begleitung durch den Ort. Mehr als einhundert Mitwirkende sind keine Seltenheit, und die Tänze folgen festen Figuren und Abläufen, die über Generationen überliefert wurden.
Die Aufführung beginnt traditionell am 6. Januar (Dreikönigstag) und dauert bis Faschingsdienstag bzw. bis etwa Ende Februar, mit zahlreichen Auftritten an Sonntagen und ausgewählten Terminen in dieser Zeit.
Bedeutung für Gemeinschaft und Identität
Für die Murnauer Bevölkerung ist der Schäfflertanz weit mehr als ein historisches Schauspiel: Er ist ein Ausdruck lokaler Identität und gemeinschaftlicher Erinnerung. Die Beteiligung vieler Generationen und das Mitwirken zahlreicher Ehrenamtlicher stärken den sozialen Zusammenhalt im Ort.
Insgesamt verbindet die Tradition die handwerklichen Wurzeln des Fassmacherberufs mit der Freude am gemeinsamen Brauchtum, und sie macht ein historisches Kulturgut für Bewohner und Besucher gleichermaßen erfahrbar.
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Die Mythologie des Schäfflertanzes in Oberbayern ist kein einzelner, unveränderlicher Mythos im klassischen Sinn. Vielmehr handelt es sich um eine vielschichtige Erzählstruktur, die sich aus Legenden, symbolischen Deutungen und einer im Laufe der Zeit gewachsenen gesellschaftlichen Bedeutung zusammensetzt. Ihre besondere Kraft entfaltet diese Tradition gerade durch das Zusammenspiel von Erzählung, Ritual und sozialer Funktion.
Im Folgenden findet sich eine strukturierte Darstellung der zentralen mythologischen Elemente, wie sie in Oberbayern verstanden und überliefert werden.
Die einflussreichste und am weitesten verbreitete Mythologie verortet den Schäfflertanz während eines Pestausbruchs, traditionell datiert auf 1517 in München.
Die Bevölkerung hatte sich aus Angst vor der Seuche in ihre Häuser zurückgezogen.
Das wirtschaftliche und soziale Leben war nahezu vollständig zum Erliegen gekommen.
Die Schäffler, die als robuste und mobile Handwerker galten, zogen tanzend durch die Straßen.
Ihr öffentliches Auftreten, die Musik und die geordnete Darstellung ermutigten die Menschen, ihre Häuser wieder zu verlassen.
Der Schäfflertanz symbolisierte die Rückkehr von Vertrauen, Handel und gemeinschaftlichem Leben.
Mythologische Bedeutung
Auch wenn Historiker den Pestausbruch von 1517 heute als legendär und nicht eindeutig belegt betrachten, entfaltet die Erzählung ihre Wirkung als kraftvoller Mythos der bürgerlichen Erneuerung.
Furcht wird nicht durch Gewalt überwunden, sondern durch ritualisierte Freude, Ordnung und Disziplin.
Die Stadt wird durch sichtbare menschliche Präsenz im gemeinsam genutzten öffentlichen Raum „geheilt“.
Die Tänzer werden zu Grenzgängern: Sie bewegen sich zwischen Gefahr und Normalität, zwischen Rückzug und öffentlichem Leben.
In Oberbayern, wo viele Städte bis weit in die frühe Neuzeit hinein immer wieder von Epidemien heimgesucht wurden, fand dieser Mythos großen Anklang und wurde auch außerhalb Münchens schnell übernommen.
Der Schäfflertanz wird traditionell alle sieben Jahre aufgeführt – ein Rhythmus, für den es keine eindeutige historische Erklärung gibt, der jedoch eine starke symbolische Wirkung entfaltet.
In mythologischer Deutung bedeutet dies:
Die Zahl Sieben gilt als Schwellenwert und ist mit Vorstellungen von Vollständigkeit, Erneuerung und Schutz verbunden.
Die lange Pause verwandelt den Schäfflertanz in ein schicksalhaftes Ereignis und nicht in eine bloße Routine.
Jeder Zyklus wird weniger als Wiederholung, sondern vielmehr als bewusste „Rückkehr“ erlebt.
Kulturelle Funktion
Der Siebenjahreszyklus trennt die alltägliche, „normale“ Zeit von der besonderen Ritualzeit.
Er verstärkt die Vorstellung, dass der Schäfflertanz nur zu bestimmten Anlässen erscheint und nicht jederzeit abrufbar ist.
Er ermöglicht es jeder Generation, den Schäfflertanz als etwas Seltenes zu erleben – als etwas, das weitervererbt und zugleich neu erworben wird.
In Oberbayern, wo die lokalen Schäfflertänze teils leicht abweichenden Zyklen folgen, bleibt die Grundidee dennoch dieselbe: Der Tanz gehört zur außergewöhnlichen Zeit und nicht zum Alltag.
Auch die Choreografie selbst trägt mythologische Symbolik in sich, selbst wenn diese nie ausdrücklich oder formal festgeschrieben wurde.
Der Kreis
Er stellt Gemeinschaft, Schutz und Kontinuität dar.
Ihm werden apotropäische Eigenschaften zugeschrieben, also eine schützende Wirkung gegen Gefahren, wie er im europäischen Volksglauben weit verbreitet ist.
Er schließt einen Raum ein und verwandelt Straße oder Platz vorübergehend in eine rituelle Arena.
Die Krone
Besteht aus ineinandergreifenden Holzreifen.
Wird häufig symbolisch interpretiert als Ausdruck von:
Wohlstand
der Ehre des Handwerks
der „Krone“ einer wiederhergestellten gemeinschaftlichen Ordnung
In einigen Deutungen erinnert die Figur an ältere Fruchtbarkeits- oder Segenssymbole, die an den Kontext des urbanen Kunsthandwerks angepasst wurden.
Das Kreuz
Geordnete Bewegung innerhalb komplexer Abläufe.
Chaos ist präsent, etwa durch sich überlagernde Figuren, bleibt jedoch stets kontrolliert.
Mythologisch betrachtet spiegelt dies den Übergang durch Gefahr hin zu Stabilität wider.
Eine zentrale mythologische Figur ist der Kasperl (Narr).
Rolle und Symbolik
Unterbrechungen der Bildung.
Spricht das Publikum direkt an.
Verhöhnt Autoritäten, lokale Persönlichkeiten und sogar die Tänzer selbst
Mythologische Betrachtung
Stellt kontrolliertes Chaos dar.
Dient als Mahnung, dass Ordnung ohne Humor brüchig wird.
Fungiert als Vermittler zwischen ritueller Ernsthaftigkeit und Alltag.
In Oberbayern, wo die Faschingstraditionen stark verwurzelt sind, verankert der Kasperl den Schäfflertanz fest in einer karnevalesken Weltanschauung aus Umkehrung, Satire und Erneuerung.
Symbolische Qualitäten der Schäffler
Arbeiten mit Holz, einem im Volksglauben als „lebendig“ verstandenen Material.
Stellen Behälter her – Objekte der Erhaltung und der Transformation.
Waren historisch mobil und reisten zwischen Städten, Klöstern und Brauereien.
In der Mythologie des Tanzes:
Die Schäffler erscheinen als Figuren der Eindämmung und der Stabilität in unsicheren Zeiten.
Ihre Fässer halten in metaphorischer Deutung die Gesellschaft zusammen, so wie der Tanz die Gemeinschaft in einen gemeinsamen Rhythmus führt.
Dies erklärt, warum später auch Nicht-Küfer die Rolle der Schäffler übernahmen.
Die symbolische Funktion des Brauchs überdauerte die wirtschaftliche Realität des Handwerks.
Vom Mythos zur bürgerlichen Identität in Oberbayern
In Oberbayern entwickelte sich die Mythologie des Schäfflertanzes von einer konkreten Legende hin zu einem verallgemeinerten bürgerlichen Mythos:
Es geht darum, Krisen gemeinsam zu überstehen.
Um die Wiederinbesitznahme des öffentlichen Raums nach Zeiten des Rückzugs.
Um Kontinuität über Generationen hinweg, selbst wenn sich Berufe und Lebenswelten verändern.
Um Freude als legitime und gemeinschaftliche Reaktion auf Not und Bedrohung.
Deshalb bewahrt der Schäfflertanz seine Bedeutung auch ohne reale Pestbedrohung, ohne aktive Zünfte oder die Küferei als dominierendes Gewerbe. Seine Mythologie beruht nicht auf wörtlichem Glauben, sondern funktioniert als kollektive Erzählung, die durch Rituale immer wieder neu inszeniert und lebendig gehalten wird.
Eine „wissenschaftliche“ Erklärung
Folgt man der Legende, wonach der erste Schäfflertanz nach dem Pestjahr 1517 aufgeführt worden sein soll, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum gerade die Küfer? Weshalb waren es ausgerechnet sie, die den symbolischen Schritt zurück zur Normalität vollzogen?
Eine verbreitete Erklärung lautet, dass vergleichsweise weniger Schäffler der Pest zum Opfer gefallen seien als Angehörige anderer Berufsgruppen. Dadurch galten sie als „glücklich“ oder gar „gesegnet“ – ein Begriff, den man heute möglicherweise mit einer angenommenen Widerstandsfähigkeit oder Immunität umschreiben würde. Diese als verschont wahrgenommenen Männer hätten demnach das Ritual übernommen, um die Stadt zu segnen und ihre Bewohner symbolisch vor Krankheit und Unglück zu schützen.
Versucht man, dieser Vorstellung eine rationale Grundlage zu geben, lässt sich folgende Überlegung anführen: Küfer arbeiteten regelmäßig mit siedendem Teer, der zur Abdichtung von Holzfässern verwendet wurde. Teer verströmt einen intensiven Geruch und setzt Dämpfe frei, die möglicherweise Ratten von den Werkstätten fernhielten. Da Ratten als Überträger pestbefallener Flöhe galten, könnte dies das Infektionsrisiko verringert haben. Zudem wäre die Kleidung der Küfer dauerhaft mit Teerdämpfen durchzogen gewesen, was unter Umständen auch im häuslichen Umfeld einen gewissen Schutz geboten haben könnte.
All dies bleibt jedoch reine Spekulation. Es existieren keine historischen Belege dafür, dass der mythische Schäfflertanz von 1517 tatsächlich stattgefunden hat oder dass Küfer nachweislich weniger von der Pest betroffen waren. Dennoch zeigt diese Erklärung, wie sich der Mythos auch mit modernen Deutungsansätzen verbinden lässt – und wie er dadurch bis in die Gegenwart hinein anschlussfähig bleibt.