Stadtberufe, Konsumgüter und die unsichtbare Infrastruktur
Stadtberufe, Konsumgüter und die unsichtbare Infrastruktur
Stadtberufe, Konsumgüter und die unsichtbare Infrastruktur
Buchdrucker: Von der Setzerei zur digitalen Öffentlichkeit
Aufgabe und Bedeutung: Buchdruck war eine Schlüsseltechnologie für Wissensverbreitung, Verwaltung und politische Öffentlichkeit. Für Bayern dokumentiert bavarikon, dass der altbayerische Raum der frühen Druckentwicklung ab ca. 1480 folgte (nach frühen Zentren wie Bamberg/Augsburg/Nürnberg).
In München wurde Druck zum Faktor städtischer Moderne: Eine erhaltene Buchdruck-Werkstatt verweist auf eine Gründung 1927 und betont den historischen Stellenwert des Druckens als politische Infrastruktur.
Warum verschwand der Beruf?
Technikwechsel: Handsatz → Maschinensatz → Offset → Digitaldruck.
Digitalisierung: Öffentlichkeit, Werbung und Alltagskommunikation verlagern sich ins Netz; Kleinauflagen und Layout werden digital produziert.
Was bleibt
Buchdruck ist heute vor allem Kulturgut und Spezialtechnik: Kunst- und Kleinauflagen, Typografiepflege, museale Werkstätten.
Zinngießer: Haushaltsmetall zwischen Mode, Hygiene und Materialinnovation
Aufgabe und Bedeutung: Zinngießer fertigten Ess- und Trinkgeschirr, liturgische Geräte und Zierobjekte. In München ist die Zinngießerei historisch u. a. über Traditionsbetriebe erinnerbar: Die Zinngießerei „Mory“ wurde im 19. Jahrhundert gegründet (1827) und ist als Name bis heute mit der Münchner Handwerksgeschichte verknüpft.
Warum schrumpfte das Berufsbild?
Materialkonkurrenz: Porzellan, Glas, Edelstahl und später Kunststoff.
Hygiene- und Geschmackswandel:Zinn verliert den Status als Standardmaterial
Nostalgische Linie
Zinn bleibt in Oberbayern als Souvenir- und Traditionsobjekt präsent (Zunftzeichen, Becher, Krüge, Schmuckstücke) – weniger als Alltagsware, mehr als Symbol.
Kerzenmacher: Vom Grundbedarf zur Ritualökonomie
Kerzenmacher produzierten Licht, bevor Gas- und Elektrizitätsnetze Haushalte und Straßen erhellten. Mit der Elektrifizierung verschwand Kerze als Basistechnologie, blieb aber als Ritual- und Atmosphärenmedium: Kirche, Advent, Wallfahrt, Gedenkkultur. Auch hier gilt: Der Beruf ist nicht tot, aber vom Versorgungsgewerbe zur Spezialität transformiert.
Laternenanzünder: Wenn Infrastruktur noch Handarbeit war
Aufgabe und Bedeutung: In Städten mit Gasbeleuchtung mussten Laternen angezündet, gelöscht und gewartet werden – ein typischer „Infrastrukturberuf“ der frühen Urbanität. Für München sind im Kontext der Gasversorgung u. a. Zahlen zur frühen Gaslaternenausbreitung überliefert; zugleich wird sichtbar, wie elektrische Beleuchtung den Gasvertrag zunehmend obsolet machte und die Stadt langfristig in Richtung Strom drängte.
Allgemein wird der Beruf als durch Automatisierung und Technikwechsel verdrängt beschrieben.
Warum verschwand der Beruf?
Elektrifizierung und automatische Zündmechanismen machten die manuelle Routine überflüssig.
Städte bauten Beleuchtung als technische Verwaltungseinheit aus – weg vom „Handwerker auf Runde“.
Nostalgie
Laternen (und ihr warmes Licht) sind bis heute Projektionsflächen urbaner Nostalgie: „Gaslichtromantik“ steht für das vormoderne Stadtgefühl – selbst dort, wo längst LED dominiert.
Aufwecker: Zeitdisziplin als Dienstleistung
Aufgabe und Bedeutung: Der Aufwecker weckte Menschen, damit sie pünktlich zur Arbeit kamen – ein Beruf, der vor allem aus Großbritannien/Irland als Industrierevolutionsphänomen bekannt ist.
Für Oberbayern ist er weniger als „typischer lokaler Zunftberuf“ belegbar, aber als Sinnbild wichtig: Er verweist auf die neue Fabrikzeit, Schichtlogik und die soziale Durchsetzung von Pünktlichkeit – Themen, die auch München als Industrie- und Verwaltungsstadt prägten. Mit der Verbreitung bezahlbarer Wecker und später elektronischer Systeme wird die Funktion technisch absorbiert.
Henker: Staatsgewalt als Beruf – und ihr Ende
Aufgabe und Bedeutung: Der Henker (Scharfrichter) war Träger staatlicher Strafpraxis, zuständig für Hinrichtungen sowie historisch teils auch für weitere „unehrliche“ Tätigkeiten.
In der Moderne verliert der Beruf seine soziale Form: Strafvollzug wird bürokratisiert, Execution-Techniken werden institutionalisiert, schließlich folgt die rechtliche Abschaffung der Todesstrafe im Grundgesetz (Art. 102 GG).
Warum ist das relevant für „verlorene Berufe“?
Weil hier besonders klar wird: Berufe verschwinden nicht nur durch Technik, sondern auch durch Normwandel (Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit) – also gesellschaftliche und politische Transformation.
Text von Rick Albrecht