Kreuzottern in Oberbayern
Wildes Oberland - Folge 2
Kreuzottern in Oberbayern
Das „Wilde Oberland“ ist eine regelmäßig erscheinende Serie auf Zeit fürs Oberland, die die faszinierende Tierwelt der Region in den Mittelpunkt stellt.
Im Fokus stehen dabei ganz unterschiedliche Tiere des Oberlands: von der unscheinbaren Kurzohrmaus über die geheimnisvolle Kreuzotter bis hin zu imposanten Störchen, ziehenden Gänsen, dem Wolf oder dem selten gewordenen Fischotter. Jede Ausgabe widmet sich einer eigenen Art und beleuchtet deren Lebensweise, Lebensraum und Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht.
Die Serie zeigt, wie vielfältig und zugleich schützenswert die Tierwelt im bayerischen Oberland ist. Sie verbindet fundiertes Wissen mit anschaulichen Geschichten und macht deutlich, wie eng Natur und Mensch miteinander verwoben sind. „Wildes Oberland“ lädt dazu ein, genauer hinzusehen und die oft verborgene Wildnis direkt vor der eigenen Haustür neu zu entdecken.
Steckbrief: Kreuzotter (Vipera berus)
Klasse: Reptilien
Ordnung: Schuppenkriechtiere (Squamata)
Familie: Vipern (Viperidae)
Vorkommen:
Europa bis weit nach Asien
Lebensräume: lichte Wälder, Moore, Wiesen, Böschungen
Aussehen:
Länge: meist 50–70 cm
Typisch: dunkles Zickzack- oder Kreuzmuster auf dem Rücken
Kopfzeichnung oft x- oder y-förmig
Männchen: heller, kontrastreicher
Weibchen: größer, bräunlich
Lebensweise:
Scheu und nicht aggressiv
Reagiert auf Erschütterungen (zieht sich meist zurück)
Wechselwarm: braucht Sonne zum Aufwärmen
Nahrung:
Frösche
Mäuse
Eidechsen
kleine Vögel
Fortpflanzung:
Lebendgebärend (keine Eiablage wie Ringelnatter), 5-15 Jungtiere
Jungtiere sofort selbstständig und giftig
Besonderheiten:
Kann Körper abflachen, um mehr Sonnenwärme aufzunehmen
Nördlichste Schlange der Welt
Wichtig für das ökologische Gleichgewicht
Gefahr für den Menschen:
Giftig, aber nur bei Bedrohung gefährlich
Bisse selten und meist vermeidbar
Schutzstatus:
Geschützt
Rückgang durch Lebensraumverlust
Ein stiller Ort am Bad Bayersoiener Ufer und ein Naturführer, der uns auf die Spur eines seltenen Tieres führt. In diesem Trailer begleitet Klaus-Peter Endres die Suche nach der Kreuzotter und gibt uns Einblicke in ihren verborgenen Lebensraum zwischen Wasser, Moor und Uferzonen. Ein kurzer Vorgeschmack auf die zweite Folge unserer Serie „Wildes Oberland“.
Die Kreuzotter - die nördlichste Schlange der Welt
Wer in Bayern durch lichte Wälder, Moorlandschaften oder sonnige Böschungen streift, kann mit etwas Glück einer Kreuzotter begegnen. Besonders im Murnauer Moos und rund um den Bad Bayersoier See findet sie noch geeignete Lebensräume. Dort, wo nicht alles intensiv bewirtschaftet wird, wo alte Wurzelstöcke, Grasflächen, Gebüsch und feuchte Senken erhalten bleiben, findet diese heimische Schlange Rückzugsorte, Sonnenplätze und Beute.
Ihren Namen verdankt die Kreuzotter dem dunklen Zickzack- oder Kreuzmuster auf dem Rücken. Dieses Muster kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, bleibt aber eines ihrer wichtigsten Erkennungszeichen. Typisch ist außerdem eine Zeichnung auf dem Kopf, die x- oder y-förmig wirken kann. Männchen sind meist heller und kontrastreicher gefärbt, Weibchen eher bräunlich und oft größer. Die viel erzählte „Höllenotter“ ist keine eigene Art, sondern eine schwarze Farbform der Kreuzotter, ein sogenannter Melanismus.
Trotz ihres Rufes ist die Kreuzotter kein Tier, vor dem man sich fürchten muss. Sie ist scheu, hört keine Geräusche, reagiert aber empfindlich auf Erschütterungen. Wer fest auftritt, gibt ihr meist genug Vorwarnung, sodass sie sich zurückzieht. Gefährlich wird es erst dann, wenn man auf sie tritt, sie bedrängt oder gar berührt. Ihr Gift nutzt die Kreuzotter in erster Linie für Beutetiere wie Frösche, Mäuse, Eidechsen oder kleine Vögel – nicht zur Auseinandersetzung mit dem Menschen.
Als wechselwarmes Tier ist sie auf Sonnenwärme angewiesen. Im Frühjahr, oft ab März, verlässt sie ihr Winterquartier, häutet sich und sucht sonnige Plätze auf. Besonders morgens tankt sie Wärme, um beweglich zu werden. Eine besondere Anpassung hilft ihr dabei: Sie kann ihre Rippen spreizen und den Körper abflachen, um mehr Sonnenenergie aufzunehmen. Diese Fähigkeit passt zu ihrer weiten Verbreitung – die Kreuzotter kommt von Westeuropa bis weit nach Asien vor und gilt als die nördlichste Schlange der Welt.
Auch ihre Fortpflanzung ist bemerkenswert. Anders als Ringelnattern legt die Kreuzotter keine Eier, sondern bringt lebende Junge zur Welt oder Junge, die direkt beim Geburtsvorgang ihre dünne Eihülle verlassen. Die kleinen Kreuzottern sind sofort selbstständig und bereits giftig. Eine Brutpflege gibt es bei Reptilien nicht. Zur Paarungszeit im Frühjahr tragen die Männchen sogenannte Kommentkämpfe aus: Sie richten sich auf, umwinden einander und versuchen, den Gegner zu Boden zu drücken – eher ein ritualisiertes Kräftemessen als ein Kampf mit Verletzungen.
Früher wurden Schlangen vielerorts verfolgt. Noch bis in die 1950er Jahre wurde für getötete Kreuzottern Geld bezahlt. Heute weiß man, dass diese Bekämpfung ökologisch unsinnig war. Die Kreuzotter gehört zur bayerischen Naturgeschichte wie Moorwiesen, Weideflächen und alte Waldsäume. Wo das stille, scheue Wildtier verschwindet, geht meist auch ein Stück strukturreicher Landschaft verloren.
Text von Rick Albrecht