Bergwacht

Retten und schützen

Wie sich die Zeiten ändern. Wenn heutzutage ein spektakuläres Selfie vor atemberaubender Naturkulisse das Objekt der Begierde für viele Bergenthusiasten ist, waren dies vor mehr als hundert Jahren noch Edelweiß und Enzian. Nach dem Ersten Weltkrieg drängten immer mehr Menschen in die Berge. Ein Tourismusboom setzte ein – nicht zuletzt aus der Sehnsucht heraus nach Frieden und Freiheit in unberührter Natur. Und ebenfalls nicht ohne Folgen für Flora und Fauna.

In den Allgäuer Alpen pflückten die Touristen massenhaft Gebirgsblumen wie das Edelweiß. Deshalb wurden damals Wachposten aufgestellt, um die symbolträchtigen Blumen zu beschützen - und um nebenbei verunglückte Wanderer zu retten. Das brachte Fritz Berger auf die Idee, eine Organisation ins Leben zu rufen, zunächst vor allem zum Schutz der Heimat. Als am 14. Juni 1920 im Münchner Hofbräuhaus Vertreter von Alpenvereins-Sektionen und Wandervereinen eine „Natur- und Sittenwacht“ gründeten, war das die Geburtsstunde einer der wichtigsten ehrenamtlich tätigen Rettungsorganisation, deren Wirken weit über Bayern hinaus reichen sollte.

Die Bergwacht hatte zunächst den Auftrag „zur Bewahrung der guten Sitten und dem Schutz fremden Eigentums im Kontext des Bergsteigens und des alpinen Skilaufs“. Bald schon sollte der Naturschutz-Gedanke in den Hintergrund rücken. Denn der Gedanke, Menschen zu helfen, die in den Bergen in Not geraten waren, war nicht neu.

Eine Bergrettungs-Organisation gab es schon 1888 mit der Gründung des „Alpinen Rettungsausschuss München“. Er ist die Urzelle der organisierten Bergrettung in den bayerischen Alpen. 1899 entstanden erste Rettungsstationen in Füssen, Garmisch, Weilheim, Mittenwald, Fall, Bad Tölz und Miesbach. Weiter ging es 1904, als unter dem Dach des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins „Alpine Rettungsstellen“ vom Allgäu bis nach Berchtesgaden eingerichtet wurden. Nach der Gründung der Bergwacht im Jahr 1920 übernahmen sie sanitäts- und rettungsdienstliche Aufgaben im Gebirge. In den folgenden Jahren wurden die alpinen Rettungsstellen und die Bergwacht zusammengeführt. Parallel gründete sich innerhalb des Roten Kreuzes der Gebirgsunfalldienst (GUD). Dessen Aktive waren in Gegenden aktiv, in denen sich der Skisport entwickelte wie etwa Schliersee und Garmisch-Partenkirchen. Wegen Streitigkeiten wegen der Zuständigkeit stellte der GUD seine Dienste Ende der 1930er-Jahre ein.

Bergwacht

Neuanfang unter dem Dach des Roten Kreuzes

Ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte bedeutete das vorläufige Aus der Bergwacht. Mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 ans Deutsche Reich werden die Alpenvereine in den „Nationalsozialistischen Bund für Leibesübungen“ eingegliedert. In die Satzung wurde ein „Arierparagraf“ aufgenommen – was dazu führte, dass die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Alpenverein und somit die Bergwacht als nationalsozialistische Organisation verboten. Doch schon 1945 konnte die Bergwacht Bayern nun unter dem Dach des Bayerischen Roten Kreuzes wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Dank des technischen Fortschritts und der Einführung der Luftrettung wurde das Wirken der Ehrenamtlichen zunehmend professionalisiert. Heute ist die Bergwacht ein integraler Bestandteil des Rettungsdienstes, der Menschen aus unwegsamem, alpinem oder felsigem Gelände rettet.

Seit 1921 gibt es die Bergwacht Lenggries im Isarwinkel. Noch in den 1970er-Jahren gab es auf den Berggipfeln Müllhaufen mit Konservenbüchsen, Flaschen und vieles mehr, die von sorglosen Bergsteigern zurückgelassen wurden. „Das hat sich geändert“, sagt stellvertretender Bereitschaftsleiter Georg Aininger. Die Menschen seien mehr sensibilisiert als früher. Steige und Wanderwege würden kaum mehr verlassen, Alpenblumen nicht mehr gepflückt oder ausgegraben. Dennoch gehöre eine Naturschutzprüfung zur Ausbildung eines ehrenamtlichen Bergretters. Jeder Anwärter müsse lernen, welche seltenen Pflanzen und Tiere es im Zuständigkeitsbereich der Bergwacht Lenggries gebe, wie auch die Naturdenkmäler im Dienstgebiet. „Der Gedanke aus der Gründungszeit wird weitergelebt, aber wir haben keine Naturschutzstreifen mehr.“ Zumal die Ehrenamtlichen mit der Bergrettung voll ausgelastet seien. Etwa 450 Einsätze hat die Bergwacht Lenggries im Jahr. Sommer wie Winter. Die „großen Ski-Wochenenden“ würden die Bergretter durchaus ans Limit bringen, betont der 31-Jährige. Die Wintersaison konzentriere sich auf drei Monate. Das sei intensiver, was die Anzahl der Einsätze betreffe, als die Sommermonate. „Vom verdrehten Bein bis zum Absturz Hunderte Meter tief ist alles dabei.“

Seit 2016 ist Aininger Einsatzleiter. In den Bergen ist er zu Hause. „Ich wollte mein Hobby mit etwas Guten verbinden“, sagt er. Beruflich arbeitet Aininger bei der Roche-Werksfeuerwehr in Penzberg. Das Helfen ist es nicht allein, warum Aininger den anspruchsvollen Dienst in der Organisation macht: „Wir alle sind gerne in der Natur. Wir sind ein großer Freundeskreis und eine gute Gemeinschaft.“

Der Brennpunkt, was Müll und anderes angeht, liegt heutzutage im Tal. Genauer gesagt in den Landschafts- und Naturschutzgebieten Sylvenstein, obere Isar, Vorderriss und Vorkarwendel. Regelmäßig beteilige sich die Bergwacht Lenggries an den Ramadama-Aktionen, so Aininger. „Wir fahren hängerweise Müll aus den Isarauen raus.“ Verstöße zu ahnden, sei allerdings nicht die Aufgabe der Bergwacht. „Wir haben diesbezüglich keine rechtliche Handhabe“, betont der 31-Jährige. Das sei die Aufgabe der Isarranger.

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Text von Alexandra Vecchiato

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Die Bergwacht wird heute vor allem als alpine Rettungsorganisation wahrgenommen. Historisch begann sie jedoch als „Natur- und Sittenwacht“ – also als bayerisch geprägte Schutzgemeinschaft, die Bergwelt, Alpenflora und Bergsteigerkultur bewahren wollte. Gerade in Oberbayern, wo Bergsport und Tourismus früh stark zunahmen, entwickelte sich daraus Schritt für Schritt ein professionell organisierter Rettungsdienst.

Zeitleiste

Vorläufer und erste Strukturen
  • 1898 – Startpunkt organisierter Bergrettung im östlichen Alpenraum
    In München entsteht ein alpiner Rettungsausschuss – ein frühes organisatorisches Fundament für Rettung aus dem Gebirge.

  • 1904 – Alpine Rettungsstellen vom Allgäu bis Berchtesgaden
    Unter dem Dach des (damaligen) Alpenvereins werden formale Rettungsstellen eingerichtet – darunter auch im Südosten Oberbayerns.

Gründungsphase: vom Naturschutz zur Rettung
  • 14. Juni 1920 – Gründung der Bergwacht Bayern in München (Hofbräuhaus)
    Vertreter aus Alpenvereinssektionen und Wandervereinen gründen die Bergwacht als „Natur- und Sittenwacht“. Die Idee: Schutz der Bergwelt und Ordnung im Gebirge – noch nicht primär Rettungsdienst.

  • Oberbayern-Schwerpunkt I: Hochland (heute Hochland West/Ost)

  • August 1920 – Frühe Bergwachtgruppen im Werdenfelser Land
    In Mittenwald folgen Alpenvereinsmitglieder dem Aufruf, lokale Bergwachtgruppen zu gründen – ein sehr früher Baustein der späteren Hochland-Strukturen.

  • 1920 – Weitere frühe Gründungen im oberbayerischen Alpenraum
    Noch im Gründungsjahr entstehen örtliche Zusammenschlüsse u. a. in Bad Tölz und Wolfratshausen (beides heute Hochland West).

  • 1923 – Der Sanitäts- und Rettungsdienst wird formell Aufgabe der Bergwacht
    Damit verschiebt sich der Schwerpunkt: Aus Schutz- und Ordnungsaufgaben wird zunehmend ein flächendeckender Rettungsdienst in Alpen und Mittelgebirgen.

Oberbayern-Schwerpunkt II: Chiemgau (Südost-Oberbayern bis Königssee)
  • 24. Mai 1924 – Gründung der Bergwacht-Abteilung Chiemgau (Freilassing)
    Die Region Chiemgau entsteht organisatorisch als eigene Abteilung – ein Schlüsseldatum für den südostoberbayerischen Raum.

  • (Heute) Region Chiemgau: großes Einsatzgebiet und klare Teilräume
    Die Region erstreckt sich u. a. von Schleching bis zur österreichischen Grenze und gliedert sich in Einsatzleitbereiche wie Achental, Trauntal, Saalachtal und Königssee.

Nachkriegsordnung und Modernisierung
  • 1945 – Eingliederung ins Bayerische Rote Kreuz (BRK)
    Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Bergwacht in das BRK integriert und bleibt dort als ehrenamtliche Gemeinschaft verankert.

  • 1952 – Lawinenhundeausbildung
    Mit systematischen Lawinenhundekursen beginnt eine neue Ära spezialisierter Rettung.

  • 1956 – Erste Hubschrauberübungen im Tegernseer Tal
    Ein Meilenstein für die spätere Luftrettung – gerade im Hochland-Raum prägend.

Gegenwart: Ausbildung, Technik und regionale Neuordnung
  • Ende Februar / Anfang März 2024 – Einweihung H145-Flugsimulator in Bad Tölz
    Im Bergwacht-Zentrum für Sicherheit und Ausbildung wird der Flugsimulator für realitätsnahes Luftrettungstraining eingeweiht – ein technischer Sprung für die Ausbildung.

  • 1. Januar 2025 (Stichtag der Reform) – Aufteilung der bisherigen Region Hochland
    Die historisch große Region „Hochland“ wird organisatorisch in Hochland West und Hochland Ost gegliedert (Ziel: kleinere Zuständigkeitsräume, weniger Doppelstrukturen, schnellere Abstimmung).

  • 17. November 2025 – Hochland Ost offiziell gegründet (Hausham)
    Die neue Region Hochland Ost wird „aus der Taufe gehoben“; sie umfasst künftig u. a. die Landkreise Miesbach, Rosenheim und Eichstätt.

Einordnung: Was die oberbayerischen Regionen verbindet

  • Hochland (West/Ost) steht beispielhaft für die „klassischen“ oberbayerischen Rettungsräume rund um Werdenfelser Land, Isarwinkel, Tegernsee/Schliersee und das Alpenvorland – früh gegründet, stark durch Ausbildung und Luftrettung geprägt.

  • Chiemgau zeigt den Übergang vom regionalen Zusammenschluss zur großräumigen Einsatzorganisation im Südosten – mit historisch klarer Gründung 1924 und heute hoher Einsatzdichte in einem weit gefassten Gebiet bis in den Königssee-Raum.

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Text von Rick Albrecht

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Wenn Hilfe kommt, obwohl niemand verletzt ist

Rettungseinsätze der Bayerischen Bergwacht zwischen Bergnot, Selbstüberschätzung und echten Notfällen

Wer in Bayern „die Bergwacht“ sagt, meint meist Rettung: Seiltechnik am Steilhang, ein Luftretter am Tau, Blaulicht im Gebirge. Doch ein wachsender Teil der Einsätze hat einen anderen Ausgangspunkt: Menschen sind nicht verletzt, aber blockiert, verstiegen, erschöpft, überrascht von Dunkelheit, Schnee oder Gelände, das sie unterschätzt haben. Für die Betroffenen endet das oft glimpflich – für die Bergwacht ist es trotzdem ein realer Einsatz mit Risiko, Materialverschleiß und gebundenen Kräften.

Dieser Artikel vergleicht solche „Bergungen ohne Verletzung“ mit medizinisch echten Notfällen und ordnet ein, welche Kosten entstehen, wer zahlt, und warum die Einsatzzahlen in den bayerischen Bergen steigen.

Zwei Welten, ein Notruf: „Notfalleinsatz“ und „Sondereinsatz“

In Bayern wird (auch abrechnungstechnisch) sauber unterschieden:

  • Notfalleinsatz Berg: Rettung eines erkrankten oder verletzten Bergsportlers mit anschließender ärztlicher Behandlung; die Kostenerstattung erfolgt in der Regel über die Krankenkassen nach Sozialgesetzbuch V, abgerechnet über die Zentrale Abrechnungsstelle (ZAST).

  • Sondereinsatz Berg: klassische „Bergnot“ ohne medizinische Leistung – etwa wenn Unverletzte nicht mehr selbstständig handeln können und Hilfe benötigen. Hier übernehmen Krankenkassen keine Leistungen; die Bergwacht stellt Kosten den Betroffenen/Angehörigen in pauschaler Form in Rechnung.

Diese Trennlinie ist elementar, da sie ein häufiges Missverständnis aufklärt: Nicht jeder Einsatz ist automatisch ein medizinischer Rettungseinsatz, welcher kostenfrei durchgeführt werden kann.

„Bergnot“ ohne Verletzung: Was heute typischerweise passiert

Die Muster sind in vielen Regionen ähnlich, egal ob Karwendel, Wetterstein, Chiemgau oder Allgäu. Typische Auslöser:

  1. Blockierung / Angst / Überforderung: Der Weg wirkt plötzlich „zu steil“ oder „zu ausgesetzt“, Vor und Zurück scheinen unmöglich.

  2. Verstiegene: Abzweig verpasst, Steig verloren, Orientierung nur noch per Smartphone – oft bis zum Geländeeinbruch.

  3. Dunkelheit + Zeitmanagement: „Nur noch schnell“ – und dann wird es spät.

  4. Saisonale Überraschung: Restschnee, vereiste Passagen, früher Wintereinbruch.

  5. Erschöpfung / Dehydrierung: keine Verletzung, aber kein Weiterkommen.

Wichtig: Die Bergwacht selbst betont, dass man bei vermeintlichem Hilfebedarf lieber einmal zu viel als zu spät alarmieren soll – die Leitstelle und Einsatzleitung bewerten dann die Indikation. Gleichzeitig wird auch sehr klar geraten: nicht erst in der Dunkelheit die 112 drücken und Verspätungen melden, um große Suchaktionen zu vermeiden.

Ein realer Fall ohne Verletzung – und was er über Kosten lehrt

Ein gut dokumentiertes Beispiel für „selbst in Gefahr gebracht / Grenzen nicht gekannt“ ist ein Fall aus dem Karwendel, aufgegriffen vom ADAC:

Zwei Wanderer auf der anspruchsvollen Rappenklammspitze: keine Karte, Navigation per Smartphone, zunehmende Orientierungsschwierigkeiten, es wird spät. An einer Felswand will die unerfahrenere Begleiterin nicht absteigen – am Ende bleibt nur der Notruf. Die Kosten für die Flugrettung lagen laut Bericht bei knapp 8.500 Euro (zunächst von der Frau bezahlt). Das Landgericht München wies anschließend ihre Klage ab, die Kosten vom Begleiter ersetzt zu bekommen; bei einer privaten Freizeitunternehmung sei keine rechtliche Bindung wie bei einer geführten Tour anzunehmen.

Das ist aus bergwachtlicher Perspektive ein Schlüsselfall, weil er zeigt:

  • Die Einsatzentscheidung (Bergung) kann ohne Verletzung entstehen – aus Lage, Zeit, Gelände und Angst.

  • Die Rechnung kann hoch sein, wenn Luftrettung notwendig wird (und die Kostenlogik hängt nicht nur an der Bergwacht selbst; zusätzliche Rettungsmittel können separat abgerechnet werden).

  • Juristisch ist die Weitergabe der Kosten an Begleiter keineswegs selbstverständlich.

Gegenbild: Der echte Notfall – wenn Minuten zählen

Demgegenüber stehen Einsätze, die niemand moralisch diskutiert: Steinschlagverletzung, Herzinfarkt, schwerer Sturz, Unterkühlung nach Wettersturz. Hier ist nicht die Frage „Hättest du umkehren können?“, sondern „Wie schnell kommt medizinische Hilfe?“.

In dieser Welt ist der Hubschrauber nicht Komfort, sondern medizinische Notwendigkeit. Genau darauf zielt auch die gängige Abgrenzung: Die gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen in Deutschland Rettungskosten, wenn der Einsatz medizinisch notwendig ist; bei reiner „Bergung“ ohne Notfall greift die Krankenversicherung dagegen in der Regel nicht.

Wer beide Welten kennt, versteht das Ressourcenproblem: Jede „Bergnot“-Bergung bindet Personal und Mittel, die in der gleichen Zeit für einen echten Notfall andernorts fehlen könnten.

Die versteckten Kosten einer Bergung ohne Verletzung

Geld: Pauschalen, Zusatzkosten und die „Rechnung danach“

Die Bergwacht Bayern veröffentlicht für 2026 ein Finanzierungs-Infoblatt mit Pauschalen. Für Sondereinsätze (Bergnot ohne medizinische Leistung) werden z. B. je nach Lage 300 / 600 / 1.200 Euro berechnet; bei langen Einsätzen oder großen Gruppen können höhere Summen anfallen (z. B. 1.600 Euro bei bestimmten Kriterien).

Bei Notfalleinsätzen werden andere Pauschalen angesetzt (z. B. 1.872 / 936 / 468 Euro), die typischerweise über die Kostenträger laufen.

Wichtig ist der Hinweis: Werden zusätzliche Rettungsmittel wie Rettungshubschrauber oder Rettungswagen eingesetzt, können weitere Kosten entstehen, die nicht über die Bergwacht Bayern abgerechnet werden.

Ressourcen: Einsatzkräfte, Risiko, Material, Leitstellenzeit

Auch wenn in der öffentlichen Debatte oft nur „der Heli“ zählt, ist die Kostenwahrheit breiter:

  • Ehrenamt: Die Bergwacht Bayern besteht laut Infoblatt aus rund 4.500 ehrenamtlichen Einsatzkräften.

  • Einsatzvolumen: jährlich etwa 14.000 Einsätze, davon ein großer Anteil Notfall- und Sondereinsätze sowie nicht abrechenbare Hilfeleistungen.

  • Budgetdimension: Der finanzielle Aufwand für die Durchführung des Bergrettungsdienstes in Bayern liegt bei rund 12 Mio. Euro pro Jahr; zugleich wird eine Finanzierungslücke genannt, die u. a. durch Spenden geschlossen werden muss.

Eine Bergung ohne Verletzung ist selten „nur ein kurzer Spaziergang“: Seilsicherung, Nacht, Wetterfenster, Koordination mit Luftrettung, Gefahren für Retter – und der Verschleiß von Ausrüstung, Fahrzeugen und Ausbildungszeit.

Wer zahlt bei Leichtsinn oder Fahrlässigkeit?

Die Bergwacht selbst nennt in ihrem Finanzierungsinfoblatt eine Reihe struktureller Treiber: verändertes Freizeitverhalten, hoher Nutzungsgrad, „trendige Sportarten“, neue Einsatzschwerpunkte (z. B. Bike-Parks), mehr ältere und mobile Menschen – und zudem der Einfluss des Klimawandels mit mehr niederschlagsbedingten Schadensereignissen.

Darauf setzen sich in der Praxis mehrere Entwicklungen:

Mehr Menschen am Berg – mehr „Fehlergelegenheiten“

Mehr Bergsport bedeutet statistisch mehr Zwischenfälle. In der Berichterstattung zum Bergwachtjahr 2025 wird von sehr hohen Sommerzahlen berichtet (Mai bis Oktober: 3.504 Einsätze).

Smartphone-Notruf: schnelle Hilfe, aber auch niedrigere Hemmschwelle

Das Smartphone ist heute „Teil der Notfallausrüstung“, wie die Bergwacht selbst formuliert – mit dem positiven Effekt, dass man früher alarmieren kann, aber auch mit dem Risiko, dass manche zu spät planen und dann „in der Dunkelheit die 112 drücken“.

Klimatische Veränderungen: mehr objektive Gefahren

Für den Alpenraum gibt es belastbare Hinweise, dass der Klimawandel alpine Naturgefahren verstärkt, insbesondere im Hochgebirge – etwa durch tauenden Permafrost und daraus resultierende Instabilitäten. Eine ORF-Wissenschaftsmeldung berichtet über Untersuchungen, die vermehrte Steinschläge und Felsstürze mit tiefer auftauendem Permafrost in Verbindung bringen.
Auch das Schweizer SLF ordnet „mehr Steinschläge und Murgänge“ als zentrale Folgeerwartung in den Alpen ein.

Unerfahrenheit und Überschätzung

Einer der härtesten Faktoren ist der kulturelle: Berge gelten als „zugänglich“, weil sie nah sind, gut bebildert, und weil Hilfe erreichbar scheint. Das zeigt sich besonders in der Kategorie „Blockierungen“: Menschen trauen sich mehr zu, als sie können – und wenn es nicht mehr vor oder zurück geht, wird alarmiert.

Warum die Einsatzzahlen steigen – ein Bündel von Ursachen

Die Antwort ist weniger moralisch als systemisch – und hängt an der Einsatzart.

Medizinischer Notfall: Krankenversicherung (in der Regel)

Wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt (Verletzung/Erkrankung, Behandlung), werden die Kosten in der Regel über die Krankenkassen nach den vereinbarten Pauschalen erstattet.
Leichtsinn „ändert“ den medizinischen Bedarf nicht automatisch – die Rettung wird durchgeführt.

Bergung ohne Verletzung: Betroffene zahlen häufig selbst

Bei Sondereinsatz Berg (Bergnot, unverletzt, keine medizinische Leistung) gilt im bayerischen System: nicht sozialversicherungsträger-relevant, daher keine Krankenkassenleistung; Kosten werden den Betroffenen/Angehörigen pauschal verrechnet.

Das ist genau der Bereich, den viele unterschätzen: „Uns ist ja nichts passiert“ heißt nicht „es kostet nichts“.

Und wenn bleibende Schäden entstehen – ohne spezielle Absicherung?

Wenn aus einer Tour doch ein Unfall mit langfristigen Folgen wird, greifen in Deutschland zwar Krankenversicherung (Behandlung) und ggf. Reha-Leistungen. Was aber schnell unterschätzt wird, sind Lücken:

  • Bergungs-/Suchkosten können – je nach Einsatzart und Ort – außerhalb der medizinischen Notwendigkeit liegen und dann nicht (oder nicht vollständig) übernommen werden.

  • Private Unfall- oder Bergsportversicherungen werden häufig gerade deshalb empfohlen, weil sie Such-, Rettungs- und Bergungskosten (auch bei komplexen Lagen) abdecken können – besonders relevant bei Einsätzen ohne klare medizinische Indikation oder im Ausland.

Für die Lebensrealität bedeutet das: Wer keine entsprechende Zusatzabsicherung hat, kann neben gesundheitlichen Folgen auch finanzielle Lasten tragen – von Bergungsrechnungen bis zu Verdienstausfällen (je nach individueller Situation).

Das „Traditionsargument“: Eigenverantwortung als alpiner Grundsatz

In Bayern – wo der Bergsport früh Teil der Alltagskultur wurde – gehört der Gedanke der Eigenverantwortung zur Tradition des Unterwegsseins: Wetter lesen, Umkehr beherrschen, Ausrüstung passend wählen, nicht „auf Kante“ planen. Die Bergwacht steht dabei in einem Spannungsfeld: Sie muss helfen, darf aber die Berge nicht zur „risikofreien Dienstleistung“ umdeuten.

Gerade darum ist die Unterscheidung zwischen echter Notfallrettung und vermeidbarer Bergnot gesellschaftlich so wichtig: Wenn Ressourcen in vermeidbaren Einsätzen gebunden sind, fehlen sie potenziell dort, wo Menschen ohne jede Schuldfrage in akuter Gefahr sind.

Schluss: Hilfe kommt – aber die Berge verhandeln nicht

Die Einsatzzahlen steigen nicht wegen eines einzelnen Trends, sondern wegen eines ganzen Pakets: mehr Aktivität, leichter Notruf, neue Sportformen, klimatische Gefahren und ein Teil Überschätzung. Die Bergwacht reagiert darauf als öffentliche Rettungsstruktur – getragen von Ehrenamt und einem Budget, das die Belastung sichtbar macht.

Für die Bergsteigerinnen und Bergsteiger bleibt die praktische Lehre altbayerisch schlicht: Planung, Umkehrbereitschaft, ehrliche Selbsteinschätzung – und die Einsicht, dass eine Bergung ohne Verletzung zwar Leben schützen kann, aber dennoch Kosten und Konsequenzen hat.

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Text von Rick Albrecht

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Edelweiß

Zwischen Edelweiß und Ordnungssinn

Die oberbayerischen Ursprünge der Bergwacht als Natur- und Sittenwacht (ca. 1909–1925)

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Bergwacht heute vor allem Rettungsdienst: kompetent, ehrenamtlich, hochalpin. Historisch beginnt ihre Geschichte in Bayern jedoch in einem Spannungsfeld aus Naturschutz, „Sitte“ und sozialer Ordnung im Gebirge. Gerade in Oberbayern – im Einzugsbereich der Münchner „Hausberge“ und der frühen Tourismuszentren rund um Karwendel/Wetterstein sowie Isarwinkel–Mangfallgebirge – verdichten sich die Hinweise, dass der Schutz der Alpenflora ein Kernmotiv der frühen Organisation war. Dieser Beitrag rekonstruiert die Entwicklung anhand veröffentlichter Archiv-Auszüge (u. a. Regeltexte und historische Rückblicke), staatlicher Schutzvorschriften und zeitgenössisch überlieferter Episoden.

Oberbayern um 1900: Wenn Alpenblumen zum Souvenir werden

Die oberbayerischen Alpen werden um die Jahrhundertwende nicht nur als Naturraum, sondern als Kulturraum neu entdeckt: durch Vereine, Hütten, Wegemarkierungen – und durch die schnellere Erreichbarkeit aus der Stadt. Der Deutsche Alpenverein (DAV), 1869 in München gegründet, ist dabei eine Schlüsselinstitution: Er fördert Bergsport, baut Infrastruktur und wird zugleich zu einem Träger alpinen Naturschutzdenkens.

Was dabei oft unterschätzt wird: Der „Naturkonsum“ gehört zur frühen Tourismusgeschichte dazu. Das zeigt sich besonders deutlich an der Alpenflora. Das Edelweiß entwickelt sich zum Symbol – romantisiert, begehrt, gesammelt. Der Bayerische Umweltauftritt „Naturerlebnis Bayern“ beschreibt das Pflücken des Edelweiß ausdrücklich als frühere Mutprobe („viel Ansehen bei den Mädle“), die heute wegen Seltenheit und Schutzstatus nicht mehr als Kavaliersdelikt gilt.

Auch Naturschutzverbände verweisen auf diese kulturelle Praxis: Das Edelweiß sei häufig als Souvenir missbraucht worden; in Bayern wird es als „stark gefährdet“ (Rote Liste Bayern) eingeordnet.

Diese Motivlage ist entscheidend: Sie verbindet Tradition (Symbolpflanze, Liebesbeweis, Mutprobe) mit einem handfesten Problem der frühen Massennutzung.

1909/1910: Ein oberbayerisches Warnsignal in Gesetzesform

Noch bevor die Bergwacht 1920 gegründet wird, reagiert der Staat in Oberbayern auf den Druck auf bestimmte Pflanzenarten. Eine „oberpolizeiliche Vorschrift“ der königlichen Regierung von Oberbayern vom 19. Oktober 1909 wird „zum Schutze einheimischer Pflanzenarten gegen Ausrottung“ erlassen.

Der Text ist bemerkenswert konkret:

  • Er regelt das Pflücken und Abreißen „in größeren Mengen“ – auf fremdem Grund nur mit behördlichem Erlaubnisschein.

  • Er nennt die betroffenen Arten namentlich; darunter Gnaphalium Leontopodium (Edelweiß), Alpenveilchen, mehrere Alpenrosen/Almrausch-Arten sowie mehrere Enziane (z. B. Gentiana lutea).

  • Darüber hinaus wird das Ausgraben und Ausreißen (also die Entnahme mitsamt Wurzelwerk) für zentrale Arten ausdrücklich verboten – darunter Edelweiß und Alpenrosen.

  • Der Vollzug ist mit Strafen belegt; die Vorschrift tritt zum 1. Januar 1910 in Kraft.

Historisch gesehen ist das mehr als eine botanische Fußnote: Eine Polizeivorschrift entsteht nicht, weil gelegentlich ein Sträußchen gepflückt wird, sondern weil ein Verhalten als so verbreitet oder so schädlich gilt, dass es die Obrigkeit reguliert. Das Dokument liefert damit eine frühe, regionalspezifische Antwort auf die Frage „Was wurde zerstört?“: Bestände geschützter bzw. als ausrottungsgefährdet betrachteter Alpenpflanzen – durch massenhaftes Pflücken, Abreißen und (besonders gravierend) Ausgraben.

Ein Hinweis aus dem Alpenverein-Kontext ergänzt diese Perspektive anschaulich: Der DAV verweist auf ein Plakat von 1910, herausgegeben vom „Verein zum Schutze der Alpenpflanzen“, das geschützte Pflanzen in Oberbayern (sowie Neuburg und Schwaben) zeigt. Das verweist auf aktive Öffentlichkeitsarbeit – also auf das Bedürfnis, Verhalten im Gebirge zu lenken, nicht nur zu sanktionieren.

1920: Gründung der Bergwacht Bayern – Naturschutz als Ausgangspunkt

Die Jubiläumsdarstellung der Bergwacht Bayern ist in der Grundbotschaft eindeutig: Am 14. Juni 1920 wird die Bergwacht Bayern im Münchner Hofbräuhaus gegründet. Im Editorial wird der Gründungsimpuls als Kombination aus Bewahrung bergsteigerischer Ideale, Wiederherstellung von „Sitte und Anstand“ und Schutz der Natur beschrieben.

In der historischen Einleitung heißt es zudem präziser: Fritz Berger (DAV-Sektion Bayerland) unterschreibt mit Mitstreitern aus DAV und weiteren Natur- und Wandervereinen die Gründungsurkunde; die Organisation entwickelt sich „von der reinen Natur- und Sittenwacht“ weiter.

Auch die überregionale DRK-Darstellung bestätigt den Grundgedanken: Nach dem Ersten Weltkrieg steigt das Wanderinteresse; Berger störe „vor allem“ der Umgang mit Natur und seltenen Pflanzen – Ehrenamtliche sollen in den Bergen einen ungezügelten Umgang unterbinden.

Damit lässt sich eine wissenschaftlich tragfähige These formulieren:
Die Bergwacht entsteht in Bayern nicht primär als Rettungsdienst, sondern als regulierende Präsenzorganisation im Gebirge – mit Naturschutzauftrag und normativem Anspruch an Verhalten („Sitte“).

Oberbayern als Brennglas: „Hausberge“, Edelweißhandel und Hüttenordnung

München und die „Hausberge“: Naturdruck aus der Stadt

Für Oberbayern ist die Münchner Perspektive zentral. Die Jubiläumsschrift beschreibt für die 1920er-Jahre einen „ersten Berg-Boom“: Vor allem Münchner „stürmten“ die Hausberge. Und dann folgt ein Satz, der das Naturschutzproblem auf den Punkt bringt: „Büschelweise wurde dann das Edelweiß gepflückt, das in der Stadt zu Geld gemacht wurde.“

Dieser Hinweis ist doppelt wichtig:

  • Er beschreibt nicht nur „Souvenirpflücken“, sondern einen (semi-)kommerziellen Kreislauf (Berg → Stadt → Verkauf).

  • Er erklärt, warum moralische Appelle allein wenig Wirkung haben: Wo Geld fließt, entsteht Anreiz zur Menge.

Zwei oberbayerische Schauplätze, zwei typische Konfliktlagen

Für eine regionale Perspektive eignen sich besonders zwei oberbayerische Räume:

(1) Werdenfelser Land / Karwendel–Wetterstein (Mittenwald):
Aus einer Mittenwalder Chroniktradition wird geschildert, dass in der Anfangszeit „busweise“ Blumendiebe kamen; Menschen warfen Müll weg und rissen ganze Büschel Alpenpflanzen aus – teils sogar, um sie später wegzuwerfen. Für 1925 wird die Episode eines „Edelweißhamsters“ berichtet, bei dem mehr als 60 Edelweiß-„Sterne“ gefunden worden seien.

Auch wenn solche Chronikepisoden immer kritisch gelesen werden müssen (Erinnerungskultur, Zuspitzung), passen sie auffällig gut zur staatlichen Oberbayern-Regulierung von 1909/10 und zur Münchner Edelweißhandel-Notiz der Jubiläumsschrift: Es geht um Menge, Entnahme und Statussymbolik.

(2) Isarwinkel / Mangfallgebirge (Lenggries–Bayrischzell–Neuhaus):
Hier zeigt sich die zweite Seite der frühen Bergwacht: Ordnung und Organisation rund um den Ausflugsverkehr. Die Jubiläumsschrift berichtet von einem Abkommen mit der Reichsbahndirektion München: Bergwacht-Angehörige sorgen bis 1929 für Ordnung im „Eisenbahn-Sportverkehr“; an Wochenenden leisten sie Dienst an Bahnhöfen wie Lenggries, Bayrischzell und Neuhaus.

Diese „Verkehrs-“ und „Hütten-“Dimension gehört historisch zur gleichen Logik: Der Berg wird zum Ausflugsraum, und mit dem Ausflugsraum kommen Konflikte – ökologische wie soziale.

Was genau wurde von Bergtouristen zerstört? Eine präzise Bestandsaufnahme

Der Begriff „Zerstörung“ wirkt drastisch; historisch lässt er sich jedoch sachlich füllen, wenn man zwischen biologischer Entnahme, Habitatbeeinträchtigung und Sach-/Kulturraum-Schäden unterscheidet.

Zerstörung durch Entnahme: Alpenpflanzen – nicht abstrakt, sondern konkret

Die oberbayerische Polizeivorschrift von 1909/10 nennt genau jene Pflanzen, deren Bestände durch Entnahme gefährdet wurden. Unter den explizit aufgeführten Arten befinden sich u. a.:

  • Edelweiß (Gnaphalium Leontopodium)

  • Alpenrosen/Almrausch (Rhododendron-Arten)

  • Alpenveilchen (Cyclamen europaeum)

  • Frauenschuh (Cypripedium calceolus)

  • Gamsblume (Primula auricula)

  • Enziane (mehrere Gentiana-Arten, darunter Gentiana lutea)

Reguliert werden dabei nicht harmlose Einzelpflückungen, sondern das Pflücken/Abreißen „in größeren Mengen“ sowie besonders das Ausgraben/Ausreißen. Die Entnahme mit Wurzeln ist aus Naturschutzsicht der kritischste Punkt, weil sie lokale Vorkommen dauerhaft auslöschen kann (keine Regeneration am Standort).

Die Bergwacht-Jubiläumsschrift liefert das passende sozialhistorische Gegenstück: Edelweiß wird „büschelweise“ gepflückt und in München zu Geld gemacht. Das ist – in moderner Terminologie – ein Druck durch Übernutzung.

Zerstörung durch „Souvenirkultur“: Das Edelweiß als Symbolpflanze

Dass diese Entnahme nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell motiviert war, zeigen zwei Perspektiven:

  • Der bayerische „Gipfelknigge“ erinnert an das Edelweißpflücken als frühere Mutprobe mit sozialem Prestige.

  • Der BUND Naturschutz beschreibt Edelweiß als häufiges Souvenir-Missbrauchsobjekt und verweist auf die Gefährdung in Bayern.

In der Praxis bedeutete das: Nicht nur „die einen“ (Händler) und „die anderen“ (Romantiker) entnahmen Pflanzen – vielmehr konnten sich beide Motive gegenseitig verstärken. Gerade Oberbayern mit der Nähe Münchens ist für eine solche Dynamik strukturell prädestiniert.

Zerstörung des Natur- und Kulturraums: Müll, Vandalismus, Hüttenunordnung

„Zerstörung“ bezog sich in der Frühzeit nicht nur auf Flora, sondern auch auf das Verhalten im Gebirge als sozialem Raum.

Die Bergwacht-Jubiläumsschrift berichtet für die ersten Jahre nach Gründung von Streifendiensten, die „nicht nur das Edelweiß“ hüteten, sondern auch auf Hütten für Ordnung sorgten. Genannt werden Beschwerden über Einbrüche und Vandalismus sowie Lärmbelästigungen und „Zechgelage“.

Die Mittenwalder Chroniküberlieferung ergänzt dies in alltagsnaher Sprache: Weggeworfener Abfall, „verschandelte“ Natur, herausgerissene Alpenpflanzen – teils ohne Nutzen.

In Summe entsteht ein Bild: Die Bergwacht ist nicht nur eine Rettungs-, sondern anfangs eine Normierungs- und Schutzinstanz in einem Gebirge, das vom Erlebnisraum zum Massenraum wird.

Wie arbeitete die frühe Bergwacht als Naturschutzorganisation?

Die Quellenlage ist hier weniger „aktenförmig“ als bei den Polizeivorschriften, aber drei Elemente sind gut belegbar:

  1. Streifendienste: Die Bergwacht stellt in den ersten Jahren Streifen in den Bergen ab – ausdrücklich mit Schutzfunktion für Edelweiß und mit Ordnungsfunktion auf Hütten.

  2. Kooperationen/Abkommen: Selbst die Anreise wird zum Einsatzraum: Ein Abkommen mit der Reichsbahn dient der Aufrechterhaltung der Ordnung im Sportverkehr.

  3. Regelwerke: 1925 werden Ausführungsbestimmungen zitiert, die zeigen, wie ernst die Organisation den „Sitten“-Aspekt administrativ fasst (bis hin zu Vorgaben, wie bei Verdacht in Schlafräumen vorzugehen sei).

Aus Naturschutzsicht ist der erste Punkt der entscheidende: Streifendienste bedeuten Präsenz, Ansprache, Abschreckung – und im Zweifel das Unterbinden unerwünschter Entnahme. Das deckt sich mit der DRK-Charakterisierung des Ursprungsgedankens („unterbinden einen ungezügelten Umgang mit der Natur und seltenen Pflanzen“).

Der Rollenwandel beginnt früh: Vom Pflanzenschutz zur alpinen Rettungslogik

So wichtig die Naturschutz- und Ordnungsdimension ist – ebenso klar ist, dass sich der Schwerpunkt innerhalb weniger Jahre erweitert:

  • Die Jubiläumsschrift beschreibt, dass mit den sommerlichen Streifendiensten zunehmend auch Unfallversorgung und Bergungen verbunden waren; 1923 kommt der Sanitätsdienst offiziell dazu.

  • 1924 wird am Münchner Hauptbahnhof eine alpine Auskunftsstelle eingerichtet (Touren-, Schnee- und Wetterinfos) – Prävention als Gegenstück zur Rettung.

  • Die DRK-Darstellung betont ebenfalls: Mit wachsendem Freizeitinteresse nehmen Unfälle zu, Bergrettung und Erste Hilfe rücken in den Fokus.

Gerade in Oberbayern ist diese Verschiebung plausibel: Wo viele Menschen aus der Stadt in kurzer Zeit in schwieriges Gelände strömen, steigen nicht nur Trittschäden und Pflückdruck, sondern auch Unfallzahlen. Die frühe Bergwacht steht somit an einer historischen Nahtstelle: Naturschutz, Ordnung und Rettung werden nicht nacheinander, sondern zeitweise gleichzeitig betrieben – je nach Saison, Region und Problem.

Fazit: Eine oberbayerische Ursprungsgeschichte mit aktueller Relevanz

Die frühen Dokumente und Rückblicke erlauben eine klare Antwort auf die Leitfrage dieses Artikels:

  • Die Bergwacht entsteht in Bayern – stark oberbayerisch geprägt – zunächst als Natur- und Sittenwacht. Gründungsort ist München; Gründungsakteure kommen aus dem Alpenvereins- und Wandervereinsmilieu.

  • Zerstört bzw. in ihrer Existenz gefährdet wurden vor allem konkrete Alpenpflanzenbestände (Edelweiß, Alpenrosen, Enziane u. a.) durch massenhaftes Pflücken, Abreißen und insbesondere Ausgraben – so ernst, dass die k. Regierung von Oberbayern 1909/10 polizeiliche Schutzvorschriften erlässt.

  • Oberbayern liefert darüber hinaus die typische soziale Bühne: Münchner Hausberge, Hütten als neue Massenorte, Konflikte um Ordnung, Eigentum und Naturbild – sichtbar in Streifendiensten und in den zeitgenössischen Klagen über Vandalismus und Exzesse.

Diese Perspektive zeigt die „Bergwacht“ nicht nur als Rettungsdienst, sondern als Teil einer bayerischen Modernität in den Bergen: zwischen traditionellen Symbolen (Edelweiß), Vereinssystem (Alpenverein), staatlicher Regulierung (höhere polizeiliche Vorschriften) und der Frage, wie man die Natur schützen kann, ohne den Berg als Erlebnisraum zu verlieren.

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Text von Rick Albrecht

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