Fastenzeit

Fasten – christlich, spirituell und weltlich

Fasten gehört zu den ältesten kulturellen Praktiken der Menschheit. Lange bevor es feste kirchliche Ordnungen gab, kannten Menschen Zeiten des bewussten Verzichts – als Vorbereitung auf Feste, als religiöse Übung oder als innere Reinigung. Aber auch aus der Not heraus: die meisten Vorräte des Herbstes sind den Winter über aufgebraucht und verzehrt worden und der noch zurückhaltende Frühling hat noch kaum oder keine neuen verzehrbaren Pflanzen und Früchte hervorgebracht. 

Im Christentum ist die vorösterliche Fastenzeit seit dem 4. Jahrhundert belegt und führt über vierzig Tage auf Ostern zu. Sie erinnert an die Wüstenerfahrung Jesu und versteht sich als Zeit der Einkehr, der Sammlung und der bewussten Hinwendung zu Gott. In Bayern – und besonders im ländlich geprägten Oberbayern – war diese Zeit traditionell nicht bloß eine private Entscheidung, sondern ein Rhythmus, der das Dorfleben, die Küche und den Jahreslauf mitprägte: Schlichtere Speisen, weniger Festlichkeit, dafür mehr Stille und Ordnung im Alltag.

Doch Fasten ist nicht nur ein religiöses Phänomen. Auch weltlich betrachtet hat der Verzicht eine besondere Kraft. Wer freiwillig auf Gewohntes verzichtet – auf üppiges Essen, Alkohol, digitale Medien oder liebgewonnene Routinen – unterbricht den Alltag. Fasten schafft Abstand. Es macht aufmerksam für das, was sonst selbstverständlich erscheint. Indem wir etwas weglassen, entsteht Raum: für neue Gedanken, für Dankbarkeit, für Klarheit. 

Gerade in einer Zeit ständiger Verfügbarkeit und Überfülle gewinnt diese alte Praxis neue Aktualität. Fasten bedeutet dann nicht Askese um ihrer selbst willen, sondern bewusste Reduktion. Es geht mehr um selbstkreierte Freiheit als um Strenge. Die Freiheit, Gewohnheiten zu hinterfragen und Prioritäten neu zu ordnen. 

Ob religiös motiviert oder als persönliches Experiment; Fasten ist immer auch ein Übergang. Es markiert eine Phase des Innehaltens zwischen dem „So war es bisher“ und einem möglichen „So möchte ich weitergehen“. Darin liegt seine zeitlose Bedeutung: Fasten ist eine Schule der Aufmerksamkeit – für Gott, für die Welt und für das eigene Leben. Allerdings zeigt sich heute auch eine neue Versuchung: Der Verzicht wird manchmal nicht mehr als Weg zu innerer Sammlung verstanden, sondern als Methode zur Optimierung – schneller, strenger, sichtbarer. Wo Fasten zum Leistungsnachweis wird, droht es seinen Sinn zu verlieren.

Die Fastenzeit ist untrennbar verbunden mit Fasching und Ostern und liegt als notwendige Konsequenz in der Mitte der beiden Feste. Fasching steht für das pralle Auskosten, das Lachen, die Masken und das Aus-der-Reihe-Tanzen; Ostern für Neubeginn, Hoffnung und das Durchbrechen des Dunkels. Dazwischen liegt die Zeit, in der das Leben langsamer werden darf. In diesem Dreiklang zeigt sich eine alte, kluge Ordnung: Nicht jeder Tag ist Festtag – und nicht jede Stille ist Verlust. Manchmal ist sie die Voraussetzung dafür, dass Freude wieder Tiefe bekommt.

 

In der Fastenzeit ist es neben dem Verzicht auf spezielle Lebensmittel oder Gewohnheiten auch möglich etwas explizit zu tun. Das kann wie ein guter Vorsatz sein, der das Verhalten im Umgang mit Mitmenschen betrifft oder auch Wohltätigkeiten im öffentlichen sozialen Umfeld. Auch gibt es so genannte Fastenspeisen die ausdrücklich erlaubt sind in den 40 Tagen vor Ostern. Diese sind vor allem Fisch, Starkbier, Marzipan, Fastenbrezen und Mehlspeisen. 

Im christlichen Sinne ist es eine wichtige Zeit um sich auf das heilige Osterfest vorzubereiten. Auch aus heutiger Sicht stellt es sich als sinnvoll heraus eine definierte Zeit zu haben um Selbstreflektion und Verzicht zu üben. 

Verzicht klingt nach trockenem Brot und leerem Teller. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Gefastet wurde mit erstaunlicher Raffinesse. Wo Fleisch tabu war, begann die Fantasie. Aus der Not kirchlicher Gebote entstand eine eigene Küchentradition – die Fastenspeisen. 

Ihr theologischer Ursprung liegt in der 40-tägigen Vorbereitungszeit auf Ostern. Die Fastenzeit erinnert an Jesu Aufenthalt in der Wüste; Gläubige sollten Maß halten, Buße tun und auf Luxus verzichten. Fleisch galt über Jahrhunderte als Symbol von Wohlstand und Sinneslust – also genau das, worauf es ankam zu verzichten. Erlaubt waren einfache Speisen, vor allem Pflanzliches und Fisch. 

Historisch wurde diese Unterscheidung nicht streng naturwissenschaftlich verstanden, sondern symbolisch: Alles, was im Wasser lebte, zählte als zulässig. So prägten die kirchlichen Regeln die Alltagsküche in katholischen Regionen Europas nachhaltig. Klöster entwickelten ausgefeilte Rezepte mit Getreide, Hülsenfrüchten und Gemüse; in Bürgerhaushalten entstanden nahrhafte Suppen, Breie und Fischgerichte, die sättigten, ohne gegen das Gebot zu verstoßen. 

Fastenspeisen waren daher nie bloß Ausdruck von Askese. Sie zeugen auch von Einfallsreichtum und kulinarischer Anpassung. Heute sind die Vorschriften deutlich gelockert – verbindlich fleischlos sind im katholischen Kirchenrecht nur noch Aschermittwoch und Karfreitag. Geblieben ist eine Küche, die zeigt, dass Verzicht und Genuss sich nicht zwingend ausschließen. 

Fisch

Wenn die Kirchenglocken die Fastenzeit einläuteten, hatte einer Hochkonjunktur: der Fisch. Er avancierte über Jahrhunderte zur zentralen Zutat der Fastenküche. 

Entsprechend vielfältig waren die Zubereitungen. In Süddeutschland kamen Karpfen und Hecht auf den Tisch, in Küstenregionen Hering und Kabeljau. Getrockneter Stockfisch, haltbar gemacht für lange Transporte, wurde zur wichtigen Handelsware und sicherte auch fernab der Meere die Versorgung während der Fastenzeit. In Klöstern entstanden ausgefeilte Rezepte mit Kräutern, Mandeln oder Weinsaucen – keineswegs karge Kost, sondern oft erstaunlich raffiniert. 

Der Fisch war damit mehr als nur Ersatz. Er wurde zum kulinarischen Mittelpunkt einer Zeit des religiösen Innehaltens – und zeigt bis heute, wie eng Glaubenspraxis und Küche miteinander verwoben waren. 

Fastenbreze

Die Fastenbreze hat eine lange Geschichte. Erste Erwähnungen der so genannten Gebildebrote, zu denen die Breze zählt, gibt es bei den Römern (753 v. Chr. - 456 n. Chr.). Hier tritt sie jedoch noch in ihrer Urform dem Kreis auf. Später im 2. Jh. übernehmen die Christen dieses feine Gebäck aus Hartweizengries als eucharistisches Brot für ihre Abendmahlfeier. Vom 9. Jh. bis zum 11. Jh. entwickelt sich das runde Brot in mehreren Schritten zum geknoteten Gebildebrot. Belegbar ist dies auf einem Gemälde mit Abendmahlszene, welches für das älteste Kloster St. Peter in Salzburg gemalt wurde. Die bildliche Darstellung der Breze auf dem angerichteten Tisch ist aber keine singuläre Erscheinung. Auch in der Enzyklopädie „Hortus Deliciarum“ (Garten der Wonnen) aus dem Elsass Ende des 12. Jh. sind Brezen als Speise der Könige erwähnt. Im heidnischen Kulturraum lässts sich bei den Kelten (800 v. Chr. – 100 n. Chr.) und Wikingern ebenfalls ein Ursprung des Gebäcks erahnen. Die Form der Berkana Birken Rune, welche das Symbol für Fruchtbarkeit, Wachstum und Schutz ist, hat mit der heutigen Brezenform eine deutliche Ähnlichkeit. Diese Symbolik ist für die heutige Zeit, in Bezug auf die Fastenzeit, seht aktuell.

Eine Sage geht um einen Bäcker Frieder der 1477 in Ungnade beim Grafen geraten ist und hingerichtet werden sollte. Er kann sich nur dem entziehen, wenn er es schafft innerhalb dreier Tage ein Gebäck zu backen, durch das drei Mal die Sonne scheint. Inspiriert durch die verschränkten Arme seiner Frau entsann er die Breze. Die drei Löcher, durch die die Sonne scheinen kann, können als göttliche Dreifaltigkeit gedeutet werden, wodurch wieder der christliche Ursprung, sei es als Abendmahl, sei es als Belohnung für betende Kinder, verdeutlicht wird.

Der Knoten ist ein altes magisches Symbol, das für das Binden und Lösen steht. Im Knüpfen des Knotens wird etwas manifestiert, das Wirklichkeit werden kann, im Lösen des Knotens kann die darin gebundene Kraft befreit werden.

Aus dem Lateinischen leitet sich Breze von Bracchium – Arm ab, wobei die beim altertümlichen Beten vor dem Oberkörper überkreuzten Arme gemeint sind. Althochdeutsch: Brezitella, Precita oder Brezin; Mittelhochdeutsch schon: Brezel; was auf den heutigen Namen hindeutet.

Biber

Wenn es darum ging zu definieren, was genau ein Fisch ist, zeigten sich die Menschen durchaus erfinderisch.. Alles, was schwamm, konnte kurzerhand zum „Fisch“ erklärt werden – und durfte damit zwischen Aschermittwoch und Ostern auf den Teller. In Bayern traf diese theologische Großzügigkeit über Jahrhunderte auch den Biber.

Tatsächlich galt der Biber in Teilen Süddeutschlands über Jahrhunderte als legitime Fastenspeise. Alte Rezepte empfehlen, das Fleisch zu schmoren oder am Spieß zu braten, gewürzt mit Kräutern und Wein. Der Geschmack soll an Rind oder Wild erinnern, kräftig und aromatisch. Heute ist das Tier streng geschützt; sein Verzehr bleibt die Ausnahme und ist nur unter Auflagen erlaubt. Als historisches Beispiel aber zeigt der Biber, wie flexibel religiöse Regeln ausgelegt wurden, wenn es um kulinarische Bedürfnisse ging.

Starkbier

Eine besondere Rolle in der Fastenzeit spielte in Bayern das Starkbier. Was heute vor allem mit fröhlichen Festzelten verbunden wird, hat seinen Ursprung im klösterlichen Alltag. Mönche brauten während der Fastenzeit besonders kräftiges Bier, das ihnen als nahrhafte Ergänzung diente, wenn feste Speisen eingeschränkt waren.

Der Hintergrund ist pragmatisch: Flüssiges galt nicht als Bruch des Fastengebots. Das gehaltvolle Bier lieferte jedoch Kalorien und Nährstoffe – eine willkommene Stärkung in einer Zeit des Verzichts. Deshalb bekam es später auch den scherzhaften Beinamen „flüssiges Brot“.

Vor allem in Bayern entwickelte sich daraus eine eigene Tradition. Klöster brauten Starkbier speziell für die Fastenzeit und schenkten es zunächst nur innerhalb der Gemeinschaft aus. Später gelangte es auch in die Wirtshäuser und wurde zum festen Bestandteil der regionalen Bierkultur. Bis heute erinnern die Starkbierfeste im Frühjahr an diesen Ursprung – eine Verbindung von religiöser Praxis, klösterlicher Braukunst und bayerischer Lebensart.

Marzipan

Auch Marzipan tauchte überraschend früh auf der Liste erlaubter Fastenspeisen auf. Obwohl es süß und reichhaltig wirkt, galt die Masse aus Mandeln und Zucker im Mittelalter als zulässig – schließlich enthielt sie keine tierischen Produkte. Der Theologe Thomas von Aquin hielt bereits im 13. Jahrhundert fest, dass Marzipan das Fasten nicht breche.

In Klöstern wurde die Mandelspeise daher gerne als Abwechslung zur kargen Fastenkost gereicht. Mandeln, oft mit Rosenwasser oder Gewürzen verarbeitet, lieferten Energie und galten zugleich als gesundheitsfördernd. Teilweise verstand man Marzipan sogar als eine Art „Brot aus Mandeln“, das die eintönige Ernährung während der Fastenzeit auflockern konnte.

In manchen Regionen erhielt die Süßigkeit deshalb Namen wie „Pilgerbrot“ oder „Osterbrot“. Auch wenn sie ursprünglich eher ein Luxusprodukt war, zeigt Marzipan, wie flexibel die Fastenregeln ausgelegt wurden – und wie selbst eine Süßigkeit ihren Platz in der religiösen Küche fand.

Maultaschen

Nicht minder erfinderisch zeigte sich der Südwesten mit den Maultaschen. Der Legende nach versteckten findige Mönche im Kloster Maulbronn das verbotene Fleisch kurzerhand im Nudelteig – damit es der liebe Gott während der Fastenzeit nicht sehe. Daher rührt der bis heute geläufige Beiname „Herrgottsbscheißerle“.

Historisch belegt ist vor allem eines: Maultaschen sind ein Produkt klösterlicher Resteküche. Fleisch, Spinat, Kräuter und eingeweichtes Brot wurden fein gehackt, gewürzt und in Teig eingeschlagen. In Brühe serviert oder später angebraten, waren sie nahrhaft und praktisch zugleich. Ob sie tatsächlich als Fastenspeise gedacht waren oder eher der effizienten Verwertung dienten, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass sich aus der Verbindung von religiöser Vorschrift und kulinarischer Pragmatik ein Gericht entwickelte, das bis heute als Klassiker der süddeutschen Küche gilt.

Text von Johannes Konrad und Julia Bezucha

Bilder

Gedanken zur Fastenzeit von Pater Karl Geissinger

Einfach nur Sein

Geht’s nicht im Letzten immer um die Frage: „Wie kann ich der sein, der ich wirklich bin?“

Eine Frage, gerade recht für die Fastenzeit.

Alle wollen wir „authentisch“ sein, so akzeptiert und geschätzt werden, wie wir wirklich sind.

Was spiele ich nicht für Rollen, was gebe ich alles vor, was ich habe, was ich nicht alles kann, wie toll ich doch bin?  Beachtet werden, Einfluß haben, anerkannt und bewundert zu werden, das verspricht Lebenssinn und Lebensglück.

In der Fastenzeit mal intensiv mir selbst auf die Spur kommen: Was sind meine Stärken, was ist mein Charisma, was sind meine Sehnsüchte, Ideale, Werte, meine positiven Seiten (mit den negativen Seiten brauche ich mich nicht zu beschäftigen, die bekomme ich sowieso oft genug vorgehalten)…?

Wer bin ich und wohin will ich mich entfalten und entwickeln?

Fastenzeit heißt: mal das Überflüssige, Unnötige abschütteln und neugierig sein, was dann herauskommt.

Fastenzeit heißt: Zeit finden für das Schöne, für das, was mir wirklich gut tut, was mir Freude (und nicht nur Spaß) macht

Fastenzeit heißt: Die Welt ein bißchen besser machen, als ich sie gerade vorfinden. Handeln, Was tun.

Fastenzeit heißt: nach dem wirklich Wichtigen, Bleibenden suchen. Sich auf den Weg zum Glück, zum Menschen und zu Gott machen.

Eigentlich gar nicht so schwer, weil kleine Schritte schon aufregend und unglaublich wertvoll sein können.

Gott sei Dank ist jedes Jahr mal Fastenzeit.

 

Fasten als Trend

Zwischen Besinnung und Selbstoptimierung

Die christliche Fastenzeit ist seit Jahrhunderten eine Zeit der Umkehr, der inneren Klärung und der bewussten Vorbereitung auf Ostern. Sie erinnert an die 40 Tage Jesu in der Wüste – eine Phase des Prüfens, des Verzichts und der geistlichen Sammlung. Fasten bedeutete dabei nie bloße Selbstoptimierung, sondern eine Haltung: Maßhalten, beten, geben. Es ging darum, Raum für Gott zu schaffen – nicht darum, einem Schönheitsideal zu entsprechen.

Heute begegnet jungen Menschen der Begriff „Fasten“ jedoch oft in einem ganz anderen Zusammenhang. Auf Plattformen wie TikTok oder Instagram wird Verzicht nicht als spirituelle Praxis, sondern als Mittel zur schnellen körperlichen Veränderung inszeniert. Aus einer religiös eingebetteten Übung der Selbstreflexion wird so ein algorithmisch verstärkter Wettbewerb um Disziplin, Schlankheit und Sichtbarkeit.

Gerade in der sensiblen Lebensphase der Jugend kann diese Verschiebung problematisch sein. Wo die Fastenzeit ursprünglich zur inneren Freiheit führen sollte, entsteht im digitalen Raum nicht selten neuer Druck. Ein genauer Blick auf sogenannte Influencer-Diäten zeigt, warum diese Entwicklung gesundheitliche und psychische Risiken birgt.

Fasten als Brauch – Fasten als Trend

Warum Modediäten aus TikTok & Instagram jungen Menschen schaden können

Religiöses Fasten ist traditionell zeitlich begrenzt, kulturell eingebettet und mit Sinn, Ritual und Gemeinschaft verbunden. In sozialen Medien hingegen erscheint „Fasten“ oder „Diät“ oft als Lifestyle-Produkt: schnelle Gewichtsabnahme, ästhetische Ideale und Klickzahlen stehen im Mittelpunkt.

Gerade für Jugendliche ist das problematisch. Die Adoleszenz gilt als zweite intensive Wachstumsphase mit erhöhtem Energie- und Nährstoffbedarf. Restriktive Diäten können in dieser sensiblen Entwicklungszeit kurz- und langfristige gesundheitliche Folgen haben.

Was Influencer-Diäten kennzeichnet

Typisch für Social-Media-Diäten sind vereinfachte Regeln, Vorher-Nachher-Versprechen und persönliche Erfahrungsberichte statt wissenschaftlicher Evidenz. Fachliche Einordnung fehlt häufig. Studien zeigen zudem Zusammenhänge zwischen intensiver Social-Media-Nutzung, Körperbildsorgen und gestörtem Essverhalten bei jungen Menschen.

Typische Trends – reale Risiken

Detox- und Cleanse-Kuren versprechen „Entgiftung“ oder schnellen Gewichtsverlust. Fachgesellschaften betonen jedoch, dass solche Programme keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen haben. Risiken reichen von Dehydrierung bis zu Elektrolytstörungen – besonders gefährlich für Jugendliche.

Laxantien-Missbrauch wird teils indirekt normalisiert. Abführmittel führen jedoch nicht zu nachhaltigem Fettabbau, sondern beeinflussen lediglich Wasserhaushalt und Darminhalt – mit teils erheblichen Nebenwirkungen.

Intervallfasten oder Crash-Diäten werden als einfache „Lifehacks“ präsentiert. In der Medizin können solche Methoden unter strenger Indikation sinnvoll sein – aber nicht als allgemeine Trend-Challenge ohne Begleitung.

Fatburner und Diätprodukte bergen zusätzliche Risiken: Behörden warnen vor nicht deklarierten Inhaltsstoffen und betrügerischen Versprechen.

Mehr als nur Ernährung

Die Gefahr liegt nicht nur in möglichen Nährstoffmängeln, sondern auch im psychologischen Druck. Dauerhafte Vergleiche, Idealbilder und algorithmisch verstärkte „Diet Culture“ können Körperunzufriedenheit und Essstörungen begünstigen.

Nicht jede Ernährungsumstellung ist problematisch. Gefährlich wird es, wenn komplexe gesundheitliche Themen zu verkürzten Social-Media-Trends werden. Gerade junge Menschen brauchen keine radikalen Challenges – sondern Orientierung, Maß und fachlich fundierte Begleitung.

 

Frau Sieberer, was genau versteht man unter Fasten? 

Fasten ist, ganz allgemein, das freiwillige Weglassen von bestimmten Lebensmitteln, Genussmitteln, fester Nahrung oder Gewohnheiten. 

Welche verschiedenen Arten des Fastens gibt es denn? 

Da gibt es ein breites Spektrum. Zum einen das christlich geprägte Fasten, also z.B. der Verzicht auf Alkohol und Süßigkeiten, aber auch den Ramadan der Muslime, Intervallfasten, Wasserfasten, Basenfasten, Saftfasten, Heilfasten und sogar Streitfasten. In den letzten Jahren hört man auch immer häufiger vom sogenannten Digital Detox, also dem Handy- oder Internetfasten. 

Stichwort „Heilfasten“ – Worin unterscheidet sich das vom klassischen Fasten? 

Ein sogenanntes klassisches Fasten gibt es eigentlich gar nicht, dafür gibt es viel zu viele verschiedene Varianten. Das Heilfasten (z.B. nach Dr. Otto Buchinger) ist der freiwillige und zeitliche begrenzte Verzicht auf feste Nahrung und Genussmittel. Dazu kommen Maßnahmen, die die Entgiftung fördern, viel Bewegung, aber auch bewusste Ruhephasen. Das Heilfasten dient der Gesundheitsprävention, Entgiftung und Regeneration des Körpers, aber auch der Gewichtsreduktion und Hinwendung zu einer gesünderen Ernährung im Anschluss an das Fasten. 

Welche Rolle spielt der Alltag während des Fastens? 

Man kann im normalen Alltag fasten, es ist allerdings schwieriger. Umgeben von den alltäglichen Lebens- und Genussmitteln und im gewohnten, oft stressigen Alltag, fällt es vielen schwerer sich auf den Fastenprozess einzustellen und diesen auch zu genießen. Optimal ist es, das Fasten in den Urlaub zu legen, oder zumindest eine Zeit zu wählen, in der man weniger eingespannt ist und die nötige Zeit für Ruhephasen hat. 

Sie haben eben noch die Bedeutung von regelmäßiger Bewegung während des Fastens angesprochen. 

Genau, Bewegung ist ein Schlüsselelement jeder guten Heilfastenwoche. Wer sich nicht bewegt, läuft Gefahr Muskeln abzubauen. Allerdings sind Fasten und kraftintensive Sportarten keine gute Kombination, da der Körper in der Fettverbrennung nicht schnell genug die dazu notwendige Energie bereitstellen kann. Normale Alltagsbewegung, Wandern, langsames Joggen, Yoga, Pilates und vieles mehr sind aber gut machbar und optimal. 

 

Oft hört man vom Begriff „Intervallfasten“ – Was hat es damit auf sich? 

Beim Intervallfasten wird die gewohnte Ernährung weitergeführt, jedoch auf verlängerte Esspausen geachtet. Das Bekannteste ist das sogenannte 16:8 Fasten, bei dem man im Zeitfenster von 8 Stunden isst und dann eine 16-stündige Pause macht. Man lässt also beispielsweise das Abendessen oder Frühstück aus. Auch dies hat bereits nachweisliche gesundheitsfördernde Effekte. 

Welche Gründe gibt es, sich bewusst fürs Fasten zu entscheiden? 

Wir leben heute in einer Zeit des Überflusses, der permanenten Verfügbarkeit von (teilweise ungesundem) Essen, des „Dauersnackens“ oder der Dauerverfügbarkeit über soziale Medien. Viele Menschen spüren, dass ihnen das nicht gut tut und nutzen das Fasten um eine bewusste Pause einzulegen oder Gewohnheiten zu durchbrechen. 

Geht es beim Fasten eher um Verzicht oder um Gewinn? 

Sowohl als auch. Durch den Verzicht gewinnt man an innerer Stärke, Gesundheit und das Wissen, was wir wirklich brauchen und was eben nicht. 

Mal ganz einfach gefragt: Was bringt uns das Fasten eigentlich? 

Diese Frage beantworte ich mit einem Zitat von Dr. F. Wilhelmi di Toledo. Sie sagt: 

„Fasten ist eine Möglichkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und neue Lebensimpulse zu gewinnen.“ 

Ist Fasten heute zu einem Trend geworden? 

Fasten ist ja keine neue Erfindung. Die Fähigkeit unter Nahrungsverzicht zu leben und auch Leistung zu bringen ist genetisch seit der Steinzeit im Menschen angelegt, ansonsten wäre die Menschheit ausgestorben. Allerdings erkennen immer mehr Menschen die gesundheitliche Wirkung des Fastens und wollen dies für sich nutzen. Laut einer aktuellen Umfrage finden rund 70 % der Befragten, dass Fasten gesundheitlich sinnvoll ist. Diese Zahl ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Bei den 18 – 29-Jährigen liegt die Zahl der Fastenbefürworter mittlerweile sogar bei rund 80 %. Interessant fand ich auch, dass jeder zweite Befragte angegeben hat, schon mehrmals auf irgendeine Weise gefastet zu haben. 

Welche Rolle spielen Selbstdisziplin und Achtsamkeit beim Fasten? 

Natürlich braucht es für den Verzicht eine gewisse Standhaftigkeit und Selbstdisziplin! Ich selbst kam zum Thema Fasten, als ich mich gefragt habe, ob ich es wohl schaffen würde, fünf Tage lang auf feste Nahrung zu verzichten und wie sich das dann wohl anfühlen würde. Das Weglassen der Nahrung ist, wenn der Entschluss einmal gefasst ist, meist leichter, als die meisten vorab denken. Die Zeit des bewussten Verzichts kann außerdem zu mehr Achtsamkeit und innerer Klarheit führen, vor allem, wenn man das Fasten nicht nur als reinen Verzicht auf Nahrung sieht, sondern auch als Möglichkeit zum Innehalten und um zur Ruhe zu kommen. 

Was passiert im Körper in den ersten 24 – 72 Stunden des Fastens? 

Beim Verzicht auf Nahrung, wie z.B. beim Heilfasten stellt sich der Körper nach und nach von dem gewohnten Stoffwechselprogramm (Energie kommt von außen) um, hin zum sogenannten Fastenstoffwechsel (Energie wird aus körpereigenen Reserven gewonnen). Hierbei werden dann die Glykogenspeicher, etwas Eiweiß und nach zwei bis drei Tagen vor allem Fettreserven genutzt. Gleichzeit geht der Körper in einen tiefgreifenden Entgiftungs- und Reparaturmodus. 

Welche Veränderungen berichten Menschen häufig (körperlich und psychisch)? 

In den ersten ein bis drei Tagen sind Fastende phasenweise müder als sonst und können mit Schwindel oder Kopfschmerzen zu tun haben. Dies sind Begleiterscheinungen der eben beschriebenen Stoffwechselumstellung und manchmal auch Anzeichen des Koffein-Entzugs. Diese Beschwerden sind mit den richtigen Maßnahmen jedoch in der Regel gut beherrschbar. Danach jedoch steigen Energielevel und Laune merklich an. Das Hautbild wird reiner, Gelenkbeschwerden verschwinden, Allergie-Symptome gehen zurück, ein zu hoher Blutdruck sinkt, Entzündungen im Körper kommen zur Ruhe und natürlich schmelzen die Fettpölsterchen dahin. Am Ende einer Fastenwoche fühlen sich die Allermeisten energiegeladener, fitter und vitaler und gleichzeitig ruhiger und gelassener. 

Fasten kann also unsere Stimmung oder auch unsere Konzentration verbessern? 

Ja, aber das ist ein schleichender Prozess. Zum Anfang des Fastens berichten viele von Unkonzentriertheit und unsicheren Stimmung. Das verändert sich jedoch schnell hin zu mehr Klarheit und Fokussierung im Kopf und zu mehr Entspannung, Entschleunigung und innerer Ruhe. Fasten ist ein ganzheitlicher und tiefgreifender Prozess, der Körper, Geist und Seele betrifft! 

Das klingt vielversprechend! Für wen ist denn Fasten nicht geeignet? 

Definitiv nicht fasten sollten schwangere und stillende Frauen, Kinder und Heranwachsende, Hochbetagte, sowie Menschen mit Essstörungen und schweren psychischen Erkrankungen. Menschen mit bekannten Stoffwechsel- oder Organerkrankungen können unter Umständen fasten, sollten dies jedoch unbedingt unter ärztlicher Aufsicht und Anleitung tun. 

Gibt es gesundheitliche Risiken? 

Wenn man gesund ist und das Fasten methodisch richtig macht, dann ist Fasten vollkommen unbedenklich. Dies ergab eine Studie von 2019, bei der über 1400 Fastende vor, während und nach einer unterschiedlich langen Fastenzeit begleitet und untersucht wurden. Allerdings kann es riskant oder zumindest unangenehm sein, wenn man sich ohne Wissen und auf eigene Faust in eine Fastenerfahrung hineinbegibt. Daher würde ich Einsteigern dazu raten, sich von einem erfahren Fastenleiter unterstützen zu lassen, oder eine begleitete Fastenwoche in einer Gruppe zumachen. 

Wie bereitet man sich sinnvoll auf eine Fastenzeit vor? 

Man tut sich einen großen Gefallen, wenn man eine Heilfastenwoche nicht unvorbereitet beginnt. Es ist hilfreich, wenn man den Körper vorab langsam vom reichlichen Essen und von Genussmitteln wie Zucker, Alkohol und Koffein entwöhnt. Eine pflanzenbasierte, leichtverdauliche und ballaststoffreiche Kost bereiten den Körper schonend auf den Nahrungsverzicht vor und machen den Einstieg deutlich leichter. 

Wie lange sollte man als Einsteiger maximal fasten? 

Einsteigern empfehle ich, sich zunächst mit dem Intervallfasten an immer längere Phasen des Nichtessens heranzutasten. Wer dann richtig fasten möchte, der kann nach etwa zwei bis drei Entlastungstagen auch mal fünf Tage Heilfasten. Genauso wichtig wie das Fasten selbst, sind dann im Anschluss die etwa drei Tage des Fastenbrechens und des langsamen und gezielten Nahrungsaufbaus. So eine Fastenwoche kann zur Gesundheitsförderung ein bis zwei Mal im Jahr durchgeführt werden. 

Zum Abschluss noch die Frage: Kann Fasten wirklich helfen, Gewohnheiten dauerhaft zu verändern? 

Das Fasten eignet sich hervorragend dazu Essgewohnheiten zu durchbrechen. Der durch die Fastenphase etwas verkleinerte Magen und der gesteigerte Geschmackssinn machen den Übergang zu einer gesünderen Ernährung mit kleineren Portionen leichter. Viele nutzen das Fasten tatsächlich auch, um im Anschluss langfristig auf Alkohol, Zucker, Industrienahrung oder Kaffee zu verzichten. 

Vielen Dank für das Gespräch Frau Sieberer. 

 

Anja Sieberer ist geprüfte Fastenleiterin aus Farchant und arbeitet seit vielen Jahren in der Begleitung von Fastenkursen und -seminaren. Neben ihrer Tätigkeit als Fastencoach ist sie ausgebildete (Kinder-)Krankenschwester und Praxisanleiterin. In ihren Angeboten verbindet sie praktische Erfahrung mit fundiertem Fachwissen. 

Mehr Informationen auf: www.zeit-zum-fasten.de