Fastenzeit - Interview mit Imam Benjamin Idriz
Fastenzeit - Interview mit Imam Benjamin Idriz
Fastenzeit - Interview mit Imam Benjamin Idriz
In diesem Interview spricht Imam Benjamin Idriz über die religiösen Wurzeln des Ramadan, seine Bedeutung im Islam und die spirituelle Dimension des Fastens. Er erklärt, wer fasten muss, welche Ausnahmen es gibt und wie das tägliche Fastenbrechen nach Sonnenuntergang abläuft. Dabei geht es nicht nur um Verzicht auf Essen und Trinken, sondern auch um Gemeinschaft, Besinnung und Verantwortung.
Transkript des Interviews
Zeit fürs Oberland ist heute zu Gast im Islamischen Forum Penzberg. Mit Imam Benjamin Idriz sprechen wir über die Bedeutung des Fastens für Muslime. Herr Idriz, vorab ein Blick auf die Historie. Wo liegen denn die Ursprünge des Ramadans?
Geschichtlich gesehen begann das Fasten im Ramadan in der Periode von Medina: „Friede sei mit ihm“. Der Prophet Muhammad ist im Jahr 571 geboren und lebte als Prophet 13 Jahre in Mekka. Als er 40 Jahre alt war, bekam er die Prophetie und, als er dann verfolgt wurde, musste er seine Heimat Mekka verlassen und nach Medina auswandern. In Medina bekam er einen Befehl von Gott, dass ihm und allen Gläubigen das Fasten vorgeschrieben ist. Der Monat Ramadan ist der neunte Monat nach dem arabischen Kalender und ist eine relativ heiße Jahreszeit im Vergleich zur Winterzeit. Ramadan bedeutet wörtlich auch tatsächlich Hitze oder heißes Wetter. Das heißt, die erste Generation der Muslime hat in einer Zeit gefastet, in der es sehr heiß war und so begann dann geschichtlich gesehen die Fastenzeit im muslimischen Glauben.
Allerdings wird das Fasten im Koran immer auch im Zusammenhang mit dem Fasten in anderen Religionsgemeinschaften thematisiert. Der Vers 183 in der Sure 2 ist der erste Vers, in dem Gott das Fasten thematisiert. Und diese Thematik beginnt wie folgt: Oh ihr, die ihr glaubt, die den Glauben erlangt haben. Euch ist das Fasten vorgeschrieben, genauso wie das Fasten den früheren Völkern und Menschen, die Offenbarungen bekommen haben, vorgeschrieben ist. Hier sind demnach Juden und Christen gemeint. Das Fasten ist also geschichtlich gesehen keine Premiere oder etwas, das der Prophet Muhammad oder der Koran zum Ersten Mal entdeckt und entwickelt hat, sondern etwas, das uns als Muslime mit anderen Religionsgemeinschaften, vor allem Juden und Christen, verbindet.
Christen fasten 40 Tage, wie es das bei Muslimen?
Muslime fasten entweder 29 oder 30 Tage. Das hängt natürlich vom Mondkalender ab. Nach dem arabischen Mondkalender ist ein Monat entweder 29 Tage oder 30 Tage lang, sodass der Ramadan unterschiedlich lang dauern kann. Dieses Jahr, also 2026, ist der Ramadan 29 Tage lang, wir Muslime fasten also einen ganzen Monat.
Welche Bedeutung hat das Fasten in unserer modernen Zeit?
Die Zeit ist immer modern. Wahrscheinlich haben sich die Menschen, die vor 100 Jahren gelebt haben, im Vergleich zu früheren Zeiten auch als modern und fortschrittlich betrachtet. Natürlich stellt man sich in der Moderne, in der Gegenwart, in der heutigen Zeit, in der die Welt völlig anders geworden ist, die Frage, welche Bedeutung derGlaube im Allgemeinen und vor allem für das Fasten hat.
Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen ohne Vorbehalte und ohne Rücksicht auf andere Menschen alles konsumieren können und alles zur Verfügung haben. In einer Zeit, in der es so viele Artikel in den Supermärkten gibt und in der, vor allem in westlichen Ländern, Wohlstand herrscht. In dieser Zeit ist das Fasten meiner Meinung nach ein wichtiger Faktor, sich zu besinnen und darüber nachzudenken, was wir Menschen alles konsumieren. Man kann sich selbst die Frage stellen, wo man sich selbst Grenzen setzen kann. Unser Körper braucht eine gewisse Ruhe, eine gewisse Kontrolle und das Fasten spielt sowohl in der kirchlichen als auch in der muslimischen Tradition bis heute eine wichtige Rolle, unseren Konsum und unser Verhalten ein bisschen zu überdenken. Wir müssen darüber nachdenken, wie viele Menschen in dieser Welt leben, die sich zwar diese Welt aber nicht dieselben Gaben teilen. An vielen Orten herrscht sehr viel Armut oder es gibt nicht mal sauberes Wasser.
In der modernen Zeit sollten wir uns mit unseren Mitmenschen in Afrika oder auch woanders solidarisieren und einfach mal drüber nachdenken, dass die Menschen dort genauso sind wie wir, aber eben nicht die gleichen Möglichkeiten haben. In der Fastenzeit sollten wir beginnen, unser Leben so zu gestalten wie sie, in dem wir weniger essen, weniger konsumieren und mehr darüber nachdenken, was wir haben und besitzen, und das mit bedürftigen Menschen teilen. Im Ramadan sind Muslime also sehr großzügig. Sie teilen ihr Vermögen und geben Almosen, weil an vielen Orten entweder Armut, Kriege oder Dürreperioden herrschen. Und da ist es unsere Aufgabe als Menschen in westlichen Ländern, solidarisch zu sein. Das Fasten ist also in der modernen Zeit sowohl für unseren Körper als auch für unsere Seele wichtig. Gleichzeitig ist der Ramadan gesellschaftlich gesehen eine Zeit, in der wir noch öfter und intensiver mit anderen Menschen zusammenkommen und über die Menschen, die weit von uns leben, nachdenken und unser Vermögen mit diesen Menschen teilen.
Es gibt diesen schönen Brauch des Fastenbrechens, auf Arabisch heißt es Iftār. Wie läuft dieses Fastenbrechen ab?
Das Fastenbrechen ist, glaube ich, der schönste Moment des ganzen Tages. Vor allem Kinder und andere Familienmitglieder freuen sich auf diesen Moment und alle Familienmitglieder fokussieren sich auf diesen Zeitpunkt. Jeder hat diesen Kalender, den wir Sakir nennen. Das ist ein spezieller Ramadan-Kalender, durch den wir genauwissen, wann wir in der Früh mit dem Essen aufhören müssen und wann wir dann nach Sonnenuntergang wieder mit einem Essen beginnen können. Entweder organisieren die Familienmitglieder zu Hause ein gemeinsames Essen oder laden Nachbarn, Freunde und Verwandte zum gemeinsamen Iftār ein. Entweder privat zu Hause oder in der Moscheegemeinde. Heutzutage sind aber auch andere Orte immer beliebter geworden, an denen sich die Menschen treffen, sei es eine Schule oder ein Restaurant oder eine andere Location, an der Menschen ihren Iftār organisieren. Das Essen ist natürlich in manchen Familien und Gemeinden sehr reich, sehr schön und dekorativ gestaltet und die Menschen sind sehr großzügig. Aber in diesen Momenten spielt nicht das Essen an sich die Hauptrolle, sondern das Zusammenkommen von Menschen. Dass sie sich begegnen und unterhalten, neue Freundschaften schließen. Das Fastenbrechen hat also eine wichtige soziale Dimension.
Nun gibt es ja Menschen, die einer schweren körperlichen Arbeit nachgehen. Wie ist es bei denen mit dem Fasten? Wird das sehr streng gehandhabt oder dürfen diese Personen auch mal zwischendrin einen kleinen Zuckerstoß oder Koffeinkick zu sich nehmen?
Das Fasten ist im Islam so geregelt, dass zwischen der Morgendämmerung und Sonnenuntergang auf jegliche Art von Essen verzichtet werden muss. Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr, körperlich gesehen, sind untersagt. Unser ganzer Körper soll fasten, unsere Augen, unsere Zunge, unsere Hände, unsere Ohren. Wir vermeiden z.B. üble Rede und sehen und hören uns nichts an, was als Sünde betrachtet wird. Das heißt, Muslime fasten sowohl mit ihrem Körper als auch mit ihrer Seele. Diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht dazu in der Lage sind, sind von dieser Pflicht befreit. Das können alte und schwache Menschen sein, solche, die regelmäßig Medikamente einnehmen müssen, Menschen auf Reisen oder welche, die körperlich sehr belastet sind. Auch schwangere Frauen und Kinder gehören dazu. Fasten ist also nur für gesunde Menschen Pflicht, die körperlich dazu in der Lage sind das auszuhalten.
Gott sagt im Vers 185 in der Sure 2: Diejenigen, die auf der Reise sind, oder diejenigen, die krank sind, müssen nicht fasten. Die haben die Möglichkeit, nach Ramadan zu fasten. Stellen Sie sich vor, jemand ist während des Ramadans drei, vier Tage krank. Dieser Mensch muss nicht fasten, kann aber nach dem Ramadan diese Tage nachfasten. Und wer während des ganzen Ramadans aus gesundheitlichen Gründen nicht fasten kann, hat dann die Option für jeden Tag, den er nicht fasten konnte, zu spenden. Das ist eben die soziale Dimension des Fastens. Wenn jemand nicht fasten kann, dann ist er dazu aufgerufen, jeden Tag einen armen, bedürftigen Menschen zu speisen. Wenn er beispielsweise eine Woche nicht gefastet hat, dann soll er für sieben Tage entweder sieben Menschen oder einen Menschen sieben Tage lang ernähren. Falls aber jemand tatsächlich auch dazu nicht in der Lage ist, etwa weil er keine finanziellen Mittel hat, dann ist Gott ist gnädig und barmherzig und wird seine Gebete und seine anderen Taten anerkennen. Deswegen ist es wichtig zu betonen, dass auch diejenigen, die nicht fasten können, den Ramadan durch Koranrezitation und Meditation oder durch andere gute Taten erleben sollen. Das Beten, die Gemeinschaft und die Atmosphäre des Ramadans sollen auch bei diesen Menschen spürbar werden. Daher nochmal die kurze Antwort auf Ihre Frage: Nicht alle Menschen müssen fasten. Kinder, schwangere Frauen, kranke Menschen, Reisende und all diejenigen, die körperlich belastet sind, sind von dieser Pflicht befreit.
Das wäre meine nächste Frage gewesen. Bei Kindern und Jugendlichen wird das Fasten also nicht ganz so streng gesehen?
Nein, Kinder sind überhaupt nicht verpflichtet zu fasten. Aber es ist ein sehr interessantes Phänomen, denn die meisten Kinder wollen unbedingt mitfasten, ohne dass es die Eltern tatsächlich von ihren Kindern erwarten oder erzwingen würden. Gott bewahre! Die Kinder sind diejenigen, die sagen: „Ich möchte fasten“. Und das kann ich von meiner Gemeinde hier bestätigen, aber das ist auch genauso in anderen Umfeldern, sowohl in muslimisch geprägten Ländern wie auch in Deutschland. Oft sind es die Kinder, die aufs Fasten beharren und sagen: „Papa, Mama, ihr müsst mich wecken, wenn ihr fürs Frühstück aufsteht.“ Das gemeinsame Essen vor der Morgendämmerung ist ja die Vorbereitung für das Fasten am Tage. Dann sagen die Kinder: „Ich möchte auch essen, ich möchte auch fasten“. Manchmal rede ich mit Eltern, die mir sagen, dass sie gar nicht unbedingt möchten, dass ihr Kind fastet, weil sie vielleicht eine Prüfung oder so etwas haben. Aber viele Kinder wollen einfach mitfasten. Ich weiß nicht, woher dieses Phänomen kommt, aber ich gehe davon aus, dass die Kinder, gerade im Ramadan, ihre religiöse Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen wollen, indem sie sagen: „Ich bin Muslim, ich möchte mit anderen Familienmitgliedern gemeinsam fasten, weil ich mir das Fastenbrechen verdienen undgemeinsam mit meiner Familie essen möchte. Aber religiös gesehen ist es keine Pflicht für Kinder.
Herr Idriz, vielen Dank für das Gespräch.
Ich habe zu danken.