Herzenssache - Folge 1

Es gibt Projekte, die beginnen nicht mit einem Businessplan, nicht mit Förderformularen und nicht mit großen Ankündigungen. Sie beginnen mit einem Satz wie: „Das darf nicht verloren gehen.“ Oder: „Da müsste man doch etwas tun.“ Manchmal steht am Anfang ein alter Hof, der wieder klingen soll. Manchmal ein Dialektwort, das die Enkel nicht mehr verstehen. Manchmal ein leerer Raum im Dorf, eine vergessene Kapelle, eine seltene Handwerkstechnik, ein Volksmusikabend, ein Naturpfad, ein Archivkarton voller Erinnerungen. Aus solchen Anfängen wachsen Herzensprojekte. 

Mit dieser Reihe, die den Titel „Herzenssache“ trägt, möchten wir Menschen aus Oberbayern vorstellen, die sich genau solchen Vorhaben widmen. Es geht um Frauen und Männer, die neben Beruf, Familie und Alltag Zeit, Kraft und oft auch eigenes Geld einsetzen, weil ihnen etwas am Herzen liegt. Ihre Projekte sind häufig klein im äußeren Maßstab, aber groß in ihrer Bedeutung. Sie bewahren, beleben, verbinden und erzählen davon, was eine Region ausmacht. 

Oberbayern ist reich an Kultur. Doch dieser Reichtum bleibt nur lebendig, wenn Menschen ihn weitertragen. Tradition ist kein Museumsstück hinter Glas. Sie braucht Hände, Stimmen, Orte und Gelegenheiten. Sie braucht jemanden, der den Schlüssel zum Vereinsheim holt, Noten kopiert, Zeitzeugen befragt, Jugendliche einlädt, alte Fotos sortiert, einen Garten pflegt oder eine Bühne aufbaut. Oft sind es genau diese unspektakulären Tätigkeiten, die am Ende darüber entscheiden, ob ein Stück regionaler Identität weiterlebt oder still verschwindet. 

Die kommenden Beiträge richten den Blick deshalb nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch auf die Menschen dahinter. Was treibt sie an? Wann wurde aus einer Idee eine Aufgabe? Welche Widerstände gab es? Wer hat geholfen? Und warum lohnt es sich, dranzubleiben, auch wenn die Arbeit manchmal mühsam ist und der Applaus ausbleibt? Die Antworten darauf erzählen viel über Zusammenhalt, Heimatgefühl und die stille Kraft bürgerschaftlichen Engagements. 

Dabei soll „Herzenssache“ keine nostalgische Rückschau werden. Viele der Projekte, die wir vorstellen werden, sind gerade deshalb wichtig, weil sie Brücken in die Zukunft schlagen. Sie machen alte Themen für junge Menschen zugänglich, verbinden regionale Kultur mit neuen Medien, schaffen Begegnungen zwischen Generationen oder geben Zugezogenen eine Möglichkeit, ihre neue Heimat besser kennenzulernen. Wer sich für lokale Kultur engagiert, schützt nicht nur Vergangenes, sondern gestaltet Gegenwart. 

Diese Reihe versteht sich auch als Einladung. Nicht jedes Herzensprojekt braucht sofort große Mittel. Manchmal hilft eine Stunde Zeit, ein Hinweis, eine Spende, ein Werkzeug, ein Raum, ein Kontakt oder schlicht die Bereitschaft, zuzuhören. Engagement beginnt oft kleiner, als man denkt. Wer einen Themen-Abend besucht, eine Ausstellung weiterempfiehlt, beim Aufbau anpackt oder einem Verein beitritt, wird Teil eines Netzes, das unsere Orte trägt. 

Entscheidend ist dabei, dass wir diese Geschichten nicht als Ausnahme betrachten. Hinter jedem Porträt steht die Frage, was eine Gemeinschaft möglich macht, wenn einzelne den ersten Schritt wagen. Vielleicht entsteht aus der Lektüre ein Besuch, ein Gespräch, eine Mithilfe. Vielleicht auch die Erinnerung daran, dass Heimat nicht Besitz ist, sondern Beziehung und tägliche Praxis in Oberbayern. 

In einer Zeit, in der vieles schneller, austauschbarer und anonymer wirkt, erinnern Herzensprojekte daran, dass Kultur vor Ort entsteht. Sie lebt in Werkstätten und Proberäumen, auf Almen und in Schulhäusern, in Archiven, Kirchen, Wirtshaussälen und Wohnzimmern. Sie lebt durch Menschen, die nicht fragen, ob sich etwas lohnt, sondern spüren, dass es wichtig ist. 

„Herzenssache“ möchte diesen Menschen eine Stimme geben. Ihre Geschichten sollen Mut machen, genauer hinzusehen: Welche Initiative in meiner Nähe verdient Unterstützung? Welche Erinnerung, welches Können, welcher Ort wartet darauf, weitergetragen zu werden? Oberbayern hat viele Schätze. Manche liegen nicht verborgen in Museen, sondern mitten unter uns, in den Händen derer, die mit Herz daran arbeiten. 

Ein Boot auf dem Grund des Ammersees – und viele Menschen, die gemeinsam an seine Rettung glauben. In diesem Trailer erzählt Klaus Gattinger, wie aus einem Unglück eine Geschichte des Zusammenhalts wurde. Ein kurzer Einblick in die erste Folge unserer neuen Serie „Herzenssache“.

Die Geschichte der "Sir Shackleton"

Am Ammersee gibt es Geschichten, die nicht laut auftreten müssen, um Gewicht zu haben. Die Geschichte der „Sir Shackleton“ ist so eine. Sie handelt von einem alten Holzschiff, von bayerischer Beharrlichkeit, von handwerklicher Geduld und von einem Eigner, der sein Schiff nicht als Besitz versteht, sondern als Aufgabe. Ein Schiff wie dieses gehört einem nicht einfach – man trägt es in die nächste Generation weiter. Genau darin liegt die Herzenssache. 

Die „Sir Shackleton“, am Ammersee liebevoll „die Sir“ genannt, ist ein Zweimastsegler aus Holz, eine Ketsch von stattlicher Erscheinung. Ihre genauen Ursprünge lassen sich nicht vollständig belegen. Vermutlich wurde sie 1909 als Sturmlotsenkutter „Gertrud“ für die Stadt Travemünde gebaut. Als Konstrukteur wird Max Oertz vermutet, einer der bedeutenden deutschen Yachtkonstrukteure seiner Zeit. Sicher belegt ist die Geschichte des Schiffs ab 1952: Damals tauchte es in der Evers Werft in Niendorf an der Ostsee auf, wurde umgebaut und später unter anderem unter dem Namen „Helga“ gesegelt. 2011 kam es schließlich nach Bayern, an den Ammersee, und erhielt den Namen „Sir Shackleton“ – nach dem britischen Polarforscher Ernest Shackleton. 

Mit rund 11,3 Metern Länge, etwa 3,5 Metern Breite, 9,5 Tonnen Verdrängung, 1,7 Meter Tiefgang und rund 70 Quadratmetern Segelfläche ist die „Sir“ kein zierliches Schmuckstück, sondern ein kräftiges Arbeitsschiff mit Charakter. Klaus Gattinger beschreibt sie als robust, anspruchsvoll und nicht unbedingt elegant – aber als Schiff, das großartig segelt. Gerade diese Mischung macht ihren Reiz aus: Mahagoni auf Eiche, zwei Masten, ein schwerer Rumpf, der ruhig im Wasser liegt, und doch genug Leben im Segel, um bei gutem Wind erstaunlich schnell zu werden. Des weiteren verfügt das Segelboot über eine kleine Pantry, einen Salon, eine Vorschiffkabine und einen Bordtoilette. Auch ein Dieselmotor ist an Bord eingbaut.

Sturmlotsenkutter

Ein Sturmlotsenkutter ist ein besonders seetüchtiges, stabiles Lotsenboot, das auch bei starkem Wind und hohem Seegang hinausfahren kann, um Lotsen auf größere Schiffe zu bringen oder von ihnen abzuholen.

Ketch

Eine Ketch ist ein zweimastiges Segelboot, bei dem sich vor allem die Position der Masten unterscheidet: Der größere Großmast steht im vorderen Bereich des Bootes, während sich der kleinere Besanmast weiter hinten befindet – allerdings noch vor der Ruderachse. Genau dieses Merkmal unterscheidet die Ketch von ähnlichen Bootstypen wie der Yawl, bei der der hintere Mast hinter dem Ruder angeordnet ist. Durch die Aufteilung der Segelfläche auf zwei Masten lässt sich eine Ketch leichter handhaben, da die einzelnen Segel kleiner und einfacher zu bedienen sind. Deshalb ist dieser Bootstyp besonders bei Fahrtenseglern und auf längeren Reisen beliebt, da er eine gute Balance zwischen Stabilität, Kontrolle und Segelkomfort bietet.

Max Johannes Heinrich Oertz 

Max Oertz, geboren am 20. April 1871 in Neustadt in Holstein, war einer der bedeutendsten deutschen Yachtkonstrukteure des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. 
Nach seiner Ausbildung im Schiffbau entwickelte er sich zu einem Konstrukteur, der technische Präzision mit eleganter Linienführung und hoher Regattatauglichkeit verband. 
1895 gründete er in Hamburg am Reiherstieg eine eigene Werft, auf der zahlreiche Segel- und Motoryachten entstanden. 
Seinen Durchbruch erreichte Oertz mit großen und erfolgreichen Yachten wie der „Germania“ für Gustav Krupp von Bohlen und Halbach sowie den kaiserlichen Yachten „Meteor IV“ und „Meteor V“. 
Neben dem Yachtbau beschäftigte er sich auch mit Motorbooten, Luftfahrttechnik, Fesselballonen und technischen Erfindungen für den Schiffbau. 
Max Oertz starb am 24. November 1929 in Hamburg und gilt bis heute als Wegbereiter des deutschen Yachtbaus von internationalem Rang. 

Sir Earnest Henry Shackleton 

Sir Ernest Henry Shackleton wurde am 15. Februar 1874 in Kilkea, County Kildare, Irland, geboren und wuchs später in London auf. 
Schon früh ging er zur Handelsmarine und entwickelte sich zu einem erfahrenen Seemann, bevor er sich der Polarforschung zuwandte. 
Bekannt wurde er durch seine Teilnahme an mehreren Antarktisexpeditionen, darunter die „Discovery“-Expedition unter Robert Falcon Scott und die von ihm geleitete „Nimrod“-Expedition, bei der er 1909 dem Südpol näher kam als jeder Mensch zuvor. 
Seine berühmteste Unternehmung war die „Endurance“-Expedition von 1914 bis 1916, bei der sein Schiff im Packeis eingeschlossen, zerdrückt und schließlich aufgegeben wurde. 
Shackleton führte seine Mannschaft unter extremen Bedingungen über Eis, Meer und die Insel Südgeorgien in Sicherheit; alle Männer überlebten. 
Er starb am 5. Januar 1922 während einer weiteren Expedition in Grytviken auf Südgeorgien und gilt bis heute als Symbolfigur für Mut, Führungskraft und Durchhaltevermögen. 

Dass ein ehemaliger norddeutscher Lotsenkutter heute am Ammersee liegt, hat mit Gattingers Beruf zu tun. Klaus Gattinger ist Dipl.-Betriebswirt, Management Coach und Berater mit den Schwerpunkten Führung und Vertrieb. Seit 2003 ist er selbstständig tätig, begleitet Führungskräfte, Verhandlungsführer und Teams und arbeitet an Themen wie persönlicher Stabilität, Belastbarkeit, Vertrauen, Entscheidungsfähigkeit und Leistungsmanagement.

Für diese Arbeit bietet ein Schiff einen besonderen Erfahrungsraum. An Bord lässt sich Führung nicht abstrakt diskutieren. Sie muss geschehen. Wind, Wetter, Welle und andere Boote lassen sich nicht kontrollieren. Die Crew muss kommunizieren, Rollen klären, Kommandos verstehen, Konflikte aushalten und gemeinsam handeln. Wer ein schweres Traditionsschiff unter Segeln bewegt, merkt rasch, dass Führung mehr ist als ein Organigramm. Sie ist Verantwortung, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn die Lage nicht vollständig planbar ist. 

Um diese Idee des "Teamschiffs" umzusetzen, suchte Gattinger gemeinsam mit seinem damaligen Freund und Mit-Eigner Christian nach einem passenden Schiff. Gefunden wurde es in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal: ein altes, starkes Holzschiff mit Geschichte, groß genug, anspruchsvoll genug und charaktervoll genug für das, was Gattinger vorhatte. 2011 kam die spätere „Sir Shackleton“ nach Bayern, ganz unromantisch mit dem Lastwagen. Aus einem norddeutschen Traditionssegler wurde damit ein Ammersee-Schiff, und aus einer beruflichen Idee entwickelte sich ein Projekt, das Gattingers Leben weit über den Berufsalltag hinaus prägen sollte. 

Der tiefste Einschnitt in der jüngeren Geschichte der „Sir Shackleton“ kam am 18. August 2020. An ihrer Boje bei St. Alban sank sie wegen eines Bruchs im Kühlwassersystem auf rund sieben Meter Tiefe. Übrig blieben zunächst nur die Masten, die aus dem Wasser ragten. Was im ersten Moment wie ein Ende aussah, wurde zur Bewährungsprobe für alle, die an diesem Schiff hingen. Die Bergung war aufwendig: Rettungskräfte, Taucher, Boote, Gutachter, Wasserwacht und Feuerwehr waren beteiligt. Am 23. August 2020 wurde die „Sir“ wieder gehoben; Ursache war ein abgebrochener Schlauchstutzen am Kühlwasserfilter. 

Die Bergung war aufwendig, weil es am Ammersee keine einfache Möglichkeit gab, ein rund neun Tonnen schweres Schiff zu heben. Spezialisten aus Österreich rückten an, Taucher arbeiteten unter schwierigen Bedingungen, und erst nach Tagen kam das Schiff wieder an die Oberfläche. Nach der Bergung stand eine schwierige Entscheidung an. Ein Holzschiff, das Tage unter Wasser lag, ist nicht einfach mit einem Lappen wieder herzurichten. Elektrik, Maschine, Beschläge, Innenausbau, Holzflächen – alles musste geprüft, gereinigt, getrocknet, demontiert, geschliffen oder erneuert werden. Es stand sogar das Verschrotten im Raum. Den entscheidenden Gegenimpuls gab seine Tochter. Dieses Schiff, das ihren Vater auch bei schlechtem Wetter immer sicher nach Hause gebracht hatte, könne man doch nicht einfach aufgeben. Seine Tochter habe ihm damit auch emotional etwas erlaubt, was der Verstand verboten habe: den Versuch, ein eigentlich unmögliches Projekt doch zu wagen. Aus dieser familiären Intervention wurde ein Neuanfang. 

Dann kamen die Helfer. Freunde, frühere Gäste, Segler, Unterstützer und Menschen, die einfach fanden, dass so ein Schiff wieder auf den See gehört. Manche spendeten Geld, andere Zeit. Viele kamen zum Schleifen, Abbauen, Reinigen, Abkleben und Lackieren. Brigitte, Gattingers Frau, organisierte Brotzeiten und hielt dem Projekt zugleich den notwendigen kritischen Spiegel vor. Die Arbeit ging in ungezählte Stunden. Die offizielle Schiffsgeschichte spricht von freiwilligen Helfern aus Freundeskreis, Segelkameraden und Gästen, mit deren Unterstützung die Instandsetzung 2021 im Rahmen eines Crowdfunding-Projekts beginnen konnte. Im August 2023, fast genau drei Jahre nach dem Untergang, wurde die „Sir“ wieder zu Wasser gelassen; ab 2024 übernahm sie wieder Gästetörns auf dem Ammersee. 

Auch die Tochter fand durch den Untergang der "Sir" ihren Weg. Nachdem sie selbst den entscheidenden Impuls gegeben hatte, half sie bei den Arbeiten am Schiff mit, machte ein Praktikum in der Werft und entdeckte den Bootsbau für sich. Später legte sie ihre Gesellenprüfung ab. Aus dem Unglück erwuchs damit nicht nur die Rettung eines Schiffs, sondern auch eine berufliche Lebensentscheidung und ein „Herzbube“ für die Tochter.

Schiffbauer Ausbildung 

Die Ausbildung zum Schiffbauer oder zur Schiffbauerin erfolgt in der Regel dual, also im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule. In Werften, Bootsbau- oder Schiffbaubetrieben lernen Auszubildende, wie Schiffe, Boote und andere Wasserfahrzeuge geplant, gebaut, gewartet und repariert werden. Dabei arbeiten sie mit unterschiedlichen Werkstoffen wie Metall, Holz oder Kunststoff, lesen technische Zeichnungen, setzen Bauteile zusammen und lernen den sicheren Umgang mit Maschinen, Werkzeugen und modernen Fertigungstechniken. Neben handwerklichem Geschick sind technisches Verständnis, räumliches Denken und Teamarbeit besonders wichtig. 

Nach dem Abschluss bieten sich vielfältige berufliche Möglichkeiten im Schiffbau, im Yacht- und Bootsbau, in Werften, bei Zulieferbetrieben oder in der Reparatur und Instandhaltung von Wasserfahrzeugen. Mit Berufserfahrung können sich Fachkräfte auf bestimmte Bereiche spezialisieren, etwa Konstruktion, Innenausbau, Rumpfbau, Metallverarbeitung oder Restaurierung historischer Boote. Auch Weiterbildungen, zum Beispiel zum Meister, Techniker oder ein anschließendes Studium im Bereich Schiffbau, Maschinenbau oder maritime Technik, sind möglich. Damit eröffnet die Ausbildung sowohl praktische Karrierewege im Handwerk als auch Perspektiven in Planung, Entwicklung und technischer Leitung. 

So ist die „Sir Shackleton“ heute mehr als ein Traditionssegler. Sie ist ein schwimmendes Stück Handwerksgeschichte, ein Lernort, ein Gemeinschaftsprojekt und ein Beispiel dafür, wie Denkmalpflege im Kleinen aussehen kann: nicht als museales Bewahren hinter Glas, sondern als lebendige Nutzung. Sie riecht nach Holz, Öl, Wasser und Arbeit. Sie erzählt von Nord- und Ostsee, von Travemünde und vom Ammersee, von Sturm, Untergang, Bergung und Wiederkehr. 

Ein besonderes und persönliches Detail ist die Schiffsuhr an Bord. Gattinger erzählt, sein Vater habe sie einst als Werbegeschenk erhalten, als Klaus zwölf Jahre alt war. Der Vater konnte damit wenig anfangen; der Sohn nahm sie, hängte sie in sein Kinderzimmer und träumte davon, sie eines Tages in sein eigenes Schiff einzubauen. Genau dort hängt sie heute. Beim Untergang blieb sie stehen, als das Wasser sie erreichte – für Gattinger ein symbolischer Moment, fast wie ein festgehaltener Atemzug in der Geschichte des Schiffes. 

In Bayern haben Traditionen oft dann Bestand, wenn sie von Menschen getragen werden, die mehr tun, als nur davon zu reden. Bei der „Sir Shackleton“ heißt das: Törns buchen, mithelfen, weitersagen, Holz pflegen, Geduld haben. Eine Herzenssache eben. 

Neue Etappe

Die „Sir Shackleton“ wird modernisiert 

Nach ihrer aufwendigen Wiederbelebung ist die Geschichte der „Sir Shackleton“ noch nicht zu Ende erzählt. Das über 100 Jahre alte Holzschiff konnte zwar nach dem Untergang von 2020 wieder schwimm- und segelfähig gemacht werden, die eigentliche Arbeit damit ist noch nicht abgeschlossen. Nun beginnt eine neue, grundlegende Renovierungsphase: Die „Sir“ ist für ein bis zwei Jahre an Land beziehungsweise in eine Halle gekommen, wo sie gemeinsam mit einem professionellen Bootsbauer gründlich überarbeitet wird. Es geht diesmal nicht nur darum, Schäden zu beheben, sondern das Schiff wieder „hübsch und fit“ zu machen – also Substanz, Holz, Beschläge und Erscheinungsbild sorgfältig zu modernisieren. 

Die Gästefahrten sollen während der Zeit der Modernisierung weitergehen, darum hat Klaus Gattinger ein Ersatzschiff gefunden: die „Lyka“. Das Boot stammt aus Schweden, genauer aus Göteborg, und ist ebenfalls ein Zweimaster. Im Mai wurde es von Göteborg über Anholt nach Kiel überführt und anschließend an den Ammersee gebracht. Der Name „Lyka“ bedeutet laut Gattinger auf Schwedisch „das Glück“ – ein passender Name für ein Schiff, das nun helfen soll, die Zukunft der „Sir Shackleton“ zu sichern. Die „Lyka“ hat bereits ihren Dienst aufgenommen. Mit den Einnahmen aus ihren Törns sollen die weiteren Renovierungsarbeiten an der „Sir“ mitfinanziert werden. 

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann dies auf mehreren Wegen tun. Besonders willkommen sind ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die Freude an sorgfältiger Arbeit mit Holz haben. Fachkenntnisse sind nicht zwingend nötig; es kann vieles erklärt werden. Wichtig sind Geduld, Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, liebevoll und mit Anspruch an einem besonderen Traditionsschiff mitzuarbeiten. 

Auch finanzielle Unterstützung ist möglich. Die aktuelle Finanzierung ist eher auf Darlehensbasis und mit Gegenleistung angedacht. Eine direkte Hilfe bleibt außerdem das Buchen von Törns: Wer mit der „Lyka“ auf den See hinausfährt, genießt nicht nur eine besondere Zeit am Ammersee, sondern trägt zugleich dazu bei, dass die „Sir Shackleton“ wieder in alter Würde zurückkehren kann. 

Zwischen Führung und Fahrwasser

Die Angebote von Klaus Gattinger 

Am Ammersee verbindet Klaus Gattinger zwei Welten, die enger zusammengehören, als es zunächst scheint: seine Arbeit als Management Coach und Berater sowie seine Leidenschaft für das Segeln auf einem traditionsreichen Holzschiff. Beruflich begleitet der Dipl.-Betriebswirt Führungskräfte, Unternehmer, Teams und Organisationen in Fragen von Führung, Vertrieb, Verhandlung und Veränderung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur methodisches Wissen, sondern vor allem die Haltung der Menschen, die Verantwortung tragen: Wie bleibt man entscheidungsfähig, belastbar und klar, wenn Situationen unübersichtlich werden? 

Genau hier wird das Segeln für Gattinger zu einem besonderen Erfahrungsraum. Auf dem Wasser lassen sich Wind, Wetter und Wellen nicht kontrollieren; zugleich braucht ein Schiff klare Kommunikation, Vertrauen, Rollenbewusstsein und eine Crew, die gemeinsam handelt. Führung wird dadurch nicht abstrakt erklärt, sondern unmittelbar erlebt. Diese Verbindung prägt auch Formate wie die „AmmerseeTage“, bei denen Führungskräfte in der Natur, im Wald und auf dem See an Klarheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit arbeiten. 

Neben Coaching und Beratung bietet Gattinger über „Segeln am Ammersee“ verschiedene öffentliche Törns, Charterfahrten, Schnuppersegeln und Skippertrainings an. Die Angebote reichen vom Sonnenaufgangs- und After-Work-Segeln bis zu Mondschein- und Sternschnuppentörns. Einsteiger können beim Schnuppersegeln selbst Hand anlegen, erfahrenere Segler trainieren Manöver, Navigation, Notfallmanagement und Crewführung. Wer das Schiff exklusiv nutzen möchte, kann es für private Gruppen, Familien oder besondere Anlässe chartern. 

Diese Angebote sind mehr als Freizeit auf dem Wasser. Sie eröffnen einen besonderen Blick auf den Ammersee, seine Landschaft und die Kultur des Segelns. Zugleich unterstützen gebuchte Törns konkret den Erhalt des alten Holzschiffs, dessen Pflege und Renovierung dauerhaft Einsatz und finanzielle Mittel erfordern. So entsteht ein stimmiges Gesamtbild: Klaus Gattinger hilft Menschen, handlungsfähig zu werden – im Beruf, im Team, in der Verantwortung und manchmal ganz praktisch am Ruder eines Traditionsschiffs. 

Text von Rick Albrecht

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