Kreide-, Kalk- und Dolomitabbau in Oberbayern

Der Abbau von Kalk, Mergel und Kreide zählt zu den ältesten kontinuierlich betriebenen Rohstoffindustrien Oberbayerns. Schon in der Römerzeit wurden unter anderem Kalksteine für Bauzwecke genutzt, etwa zur Herstellung von Mörtel und als Zuschlagstoff für römische Straßen- und Gebäudebauten in der Provinz Raetia. In mittelalterlichen Klosterwirtschaften – etwa in Tegernsee, Benediktbeuern und Schäftlarn – wurde Kalk als wichtiges Bindemittel bei der Errichtung von Kirchen und Wirtschaftsgebäuden benötigt.

Industrieller Aufschwung im 19. und 20. Jahrhundert

Mit der Industrialisierung und der Entstehung moderner Baustoffindustrie gewann der Kalkabbau neue Bedeutung. In Markt Schwaben, Eichstätt, Ruhpolding und Traunstein entstanden Kalk- und Zementwerke, die den regionalen Bedarf an Baustoffen für Eisenbahnbau, Industrialisierung und Stadtwachstum deckten. Besonders bedeutend war der Dolomitabbau im Chiemgau, der seit dem späten 19. Jahrhundert auch als Flussmittel in Hochöfen Verwendung fand.

Die Nähe zu Bahnlinien ermöglichte den Export nach München und Augsburg. Von den 1950er-Jahren an wurde der Kalkabbau zunehmend mechanisiert: Seilbagger, Sprengtechnik und später hydraulische Lader ersetzten Handarbeit. Die Verarbeitung erfolgte direkt in Kalköfen, die zu modernen Drehrohröfen übergingen.

Umwelt, Geologie und Nachnutzung

Oberbayerns Kalk- und Kreidevorkommen stammen geologisch meist aus der Jura- und Kreidezeit, als weite Teile der Region von Flachmeeren bedeckt waren. Nach der Stilllegung vieler kleiner Brüche in den 1980er- und 1990er-Jahren wurden zahlreiche ehemalige Kalkgruben renaturiert oder als Biotope und Geotope ausgewiesen (z. B. der „Kalksteinbruch Rohrdorf“). Einige Standorte dienen heute als Lehrpfade zur Erdgeschichte und Gesteinskunde.

Kulturhistorischer Hinweis

Kalköfen prägten über Jahrhunderte das Landschaftsbild. Ihre zylindrischen Türme, aus Ziegel oder Bruchstein gemauert, sind heute als Industriedenkmäler geschützt. In einigen Gemeinden, etwa Ruhpolding oder Bernau am Chiemsee, finden jährliche „Kalkbrennerfeste“ statt, bei denen alte Brenntechniken vorgeführt werden – ein lebendiges Beispiel für gelebte Industriekultur.

Gegenwart

Heutige Kalkwerke wie in Ruhpolding, Rohrdorf und Baumit-Bad Ischl/Aschauer Werke arbeiten nach modernen Umwelt- und Arbeitsschutzstandards. Kalkprodukte aus Oberbayern finden Anwendung in Bauwesen, Stahlverhüttung, Landwirtschaft und Umweltschutz (z. B. Rauchgasentschwefelung).

Daten der Kalkindustrie in Oberbayern

Standort

Rohstoff

Zeitraum

Nutzung

Besonderheiten

Ruhpolding

Kalkstein

seit 1870

Zement, Baukalk

Aktive Industrie, Renaturierungsprojekte

Rohrdorf

Kalkstein/Dolomit

seit 1930

Zement, Stahlindustrie

Großwerk, energieeffiziente Produktion

Traunstein

Mergel/Kreide

19.–20. Jh.

Baukalk

stillgelegt, Biotopausweisung

Eichstätt (Nordgrenze Oberbayerns)

Jurakalk

seit Römerzeit

Bau- und Dekorstein

Fossilienfunde, Natursteinexport

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