Raunächte
Raunächte Die vergessenen Raunächte Die Wilde Jagd Die drei Nornen Der Weg in das mystische Herz
Raunächte Die vergessenen Raunächte Die Wilde Jagd Die drei Nornen Der Weg in das mystische Herz
Geheimnisse & Traditionen
Als „Raunächte“ (auch Rauchnächte/Raunächte) bezeichnet man im Alpenraum traditionsreiche Nächte rund um den Jahreswechsel. Am verbreitetsten ist die Zählung der zwölf Nächte von Weihnachten bis Dreikönig; alternativ starten manche Zählungen schon zur Wintersonnenwende.
Während dieser Zeit ziehen seltsame, gehörnte Gestalten lärmend durch die Straßen. Ihre Bewegungen werden von Fackeln und dem Schein von Feuer begleitet. In den Häusern üben die Bewohner sich in der Kunst des Weissagens, während sie ihre Stuben mit Räucherwerk gegen böse Geister schützen. Was zunächst nach einer düsteren Erzählung aus einem Fantasy-Roman klingt, ist in vielen bayerischen Gemeinden während der Raunächte Realität. Diese besonderen Nächte, die vom Heiligen Abend bis zum Dreikönigstag reichen, sind von zahlreichen alten Bräuchen geprägt, von denen einige auch heute noch gepflegt werden.
Informationen zu Raunächten
Zeitraum: 24. Dezember – 6. Januar (regional unterschiedlich)
Bedeutung: Übergangszeit zwischen Mond- und Sonnenjahr („Zwischenraum“)
Bräuche: Räuchern mit Kräutern, Wettervorhersage mit Zwiebeln, Weissagungen
Gestalten: Perchten und andere furchteinflößende Figuren vertreiben Geister
Ursprung: seit dem 17. Jahrhundert schriftlich belegt, regional stark variierend
Heute: Ausdruck von Tradition und kulturellem Halt
Woher kommt der Name?
Die Etymologie ist doppelt belegt:
von „rau/rûch“ = haarig (Bezug auf pelzige, „raue“ Maskengestalten),
oder von „Rauch“ (weil Haus und Stall in dieser Zeit traditionell ausgeräuchert werden).
Beide Deutungen sind im Sprachgebrauch verankert.
Wann sind die 12 Nächte?
Weit verbreitet ist die Zählung vom 25. Dezember bis 6. Januar. Regional beginnt man teils schon in der Nacht 24/25 oder zur Sonnenwende (21. Dez.) – ein Hinweis darauf, wie alt und vielfältig das Brauchtum ist.
Warum gerade zwölf?
Eine oft genannte Erklärung: Der Mondjahr–Sonnenjahr-Versatz (354 vs. 365 Tage) – „eingeschobene“ elf Tage/zwölf Nächte gelten als „tote Zeit“ außerhalb der Ordnung, wodurch die Nächte als besonders wirkmächtig gelten. Diese Lesart ist in oberbayerischen Tourismus- und Brauchtumsdarstellungen verbreitet.
Oberbayern im Fokus: gelebtes Brauchtum
In Oberbayern ist die Zeit „zwischen den Jahren“ besonders sichtbar:
Räuchern mit Weihrauch und Heukräutern von Haus und Hof – als Schutz- und Segensritual, vielerorts bis heute gepflegt. Das Räuchern von Häusern ist ebenfalls ein Brauch, der in den Raunächten bis heute in einigen Regionen gepflegt wird. In Schwaben ist es seit dem 17. Jahrhundert belegt, und vor allem in den Nächten vor Heiligabend, an Silvester und in der Nacht zu den Heiligen Drei Königen verbreitet. Weihrauch auf einem Kohlenbett oder geweihte Kräuterbündel sollen auch heute noch den Segen ins Haus bringen.
Perchtenläufe mit geschnitzten Larven und pelzigen Gewändern – etwa die Kirchseeoner Perchten im Landkreis Ebersberg; Perchtenzüge finden in vielen Orten des oberbayerischen Alpenvorlands statt. Die „furchteinflößenden Perchten“, die während der Raunächte in den Alpenregionen und im Bayerischen Wald umherziehen, sind ebenfalls ein fester Bestandteil dieser Zeit. Bei zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen ziehen diese gruseligen Gestalten, die in Umzügen auftreten, viele Besucher an. Ihr Ziel ist es, böse Geister und Unheil zu vertreiben.
Bauernregeln & Lostage (z. B. Wetterorakel mit Zwiebeln, „Zwiebelscheiben“), kein Wäscheaufhängen u. ä. – Aberglauben und Alltagsregeln, die die Schwellenzeit ordnen sollten.
Sternsingen um Dreikönig mit dem C+M+B-Segen ist in Bayern (Feiertag) stark verbreitet – eine kirchliche Praxis, die den Abschluss vieler regionaler Raunachtsbräuche markiert.
Wettervorhersage mit Zwiebeln „Etwa der Brauch mit Hilfe von Zwiebeln das Wetter vorherzusagen“, erklärt Christoph Lang, Heimatpfleger beim Bezirk Schwaben in Augsburg. So funktioniert er: Man halbiert eine Zwiebel und hebt aus jeder Hälfte fünf Schichten heraus. „So entstehen zwölf Teile, die für je einen Monat des kommenden Jahres stehen. Sie werden mit Salz betreut“, beschreibt Lang. Je nasser die Zwiebeln nach einiger Zeit sind, desto feuchter wird der entsprechende Monat, so der Volksglaube. „Der Brauch wird seit dem 19. Jahrhundert in ganz Schwaben und mehrfach erwähnt“, fügt Lang hinzu.
Heidnische Wurzeln: Yule und die Wilde Jagd
Die Raunächte liegen in der Zeit von Yule, dem germanischen Mittwinterfest. In Sagen „fährt“ in stürmischen Nächten die Wilde Jagd – in nordischen Überlieferungen mit Odin/Jólnir verknüpft. Diese Bilderwelt prägte Orakelbräuche, Lärmtreiben und das Austreiben „wilder“ Mächte.
Mōdraniht
Mōdraniht (Mütter-Nacht) bezeichnet einen angelsächsischen winterlichen Festtag. Er ist für die Zeit zwischen 500 und 700 belegt in Beda Venerabilis Werk De temporum ratione. In Kapitel 15 De Mensibus Anglorum (Die englischen Monate), schreibt der Autor:
„Sie beginnen aber das Jahr mit dem achten Kalender des Januars, an dem wir die Geburt des Herrn feiern. Und diese selbe Nacht, die uns besonders heilig ist, wird von den Heiden Modranicht genannt, was Nacht der Mütter bedeutet…“
Christianisierung: wie die Kirche anknüpfte
Mit der Christianisierung verschmolzen alte Mittwinterbräuche mit der Weihnachtszeit und Epiphanie (6. Januar). Katholische Praxis übernahm und christlich deutete Elemente:
Räuchern (Weihrauch, geweihte Kräuter) als Haussegen,
Haussegen „C+M+B“ an der Tür durch Sternsinger rund um Dreikönig („Christus mansionem benedicat“, nicht die Anfangsbuchstaben der drei Könige).
Weihnachtsdaten
Im frühen Christentum war das Geburtsdatum Christi nicht festgelegt. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 354 n. Chr., als in Rom am 25. Dezember ein heidnisches Fest gefeiert wurde. Dieser Brauch stand offenbar in engem Zusammenhang mit dem Kaiserkult im Römischen Reich. Im 19. Jahrhundert entstand die Theorie eines vorchristlichen germanischen Sonnenwendfestes, das angeblich von der Kirche mit christlichen Bräuchen überlagert worden sei. Es ist umstritten, ob die germanischen Völker um die Wintersonnenwende – also ab dem 21. Dezember – ein Julfest feierten. Historisch belegbare schriftliche Zeugnisse existieren in Form von Kalenderstäben mit Runensymbolen. Unbestritten ist, dass das Wort „Jul” bereits vor der Christianisierung gebräuchlich war. Die Kirche hatte vergeblich versucht, das Wort durch andere Begriffe zu ersetzen (Altnordisch: „Dróttins burðar tíð”, Altschwedisch: „gudz födzlo hötidh”). Die meisten Belege stammen aus christlicher Zeit, was es schwierig macht, sich ein klares Bild von den verschiedenen Festen zu machen. Dies gilt auch für die „Nacht der Mütter” bei den Angelsachsen.
Warum gerade die Nächte zwischen den Jahren als Zeitpunkt für viele dieser Bräuche gewählt wurden, erklärt Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. „Es liegt an der Diskrepanz zwischen dem Mond- und dem Sonnenkalender“, sagt der Brauch-Experte. Diese Diskrepanz schaffe eine Übergangszeit, einen sogenannten Zwischenraum, der den Menschen oft unheimlich gewesen sei. „Und Bräuche bieten in einer Umbruchszeit Sicherheit“, erläutert Ritter. Besonders in Zeiten, als viele Menschen noch von der Natur abhingen, seien solche Bräuche wichtig gewesen.
„Heute hingegen ist der Hintergrund oft ein anderer“, fügt Ritter hinzu. Die Angst vor Unheil spiele heute eine geringere Rolle, als vielmehr das Bewusstsein für Tradition. Zudem suche man durch diese Bräuche auch einen kulturellen Halt in einer zunehmend säkularisierten Welt. „Früher hat das die Kirche geboten“, erinnert sich Ritter.
Regionale Unterschiede
Die Raunächte oder auch „Lostage“, wie sie laut Lang in alten Dokumenten genannt werden, sind insgesamt schwer zu fassen. „Über kaum ein Thema wissen wir so wenig, weil oft Quellen fehlen“, sagt Ritter. Zudem gibt es große regionale Unterschiede, was die Bräuche angeht. Ein Beispiel dafür ist der Glaube daran, zu welchem Zeitpunkt Wäsche aufgehängt werden darf, ohne dass sich böse Geister darin verfangen. Dieser Brauch variiert je nach Region. Auch der Zeitpunkt der Raunächte ist unterschiedlich: In manchen Gebieten beginnen sie früher und enden schon in der Silvesternacht.
Eines jedoch scheint sicher: „Die Bräuche rund um die zwölf Nächte sind nicht auszumerzen. Das hat man schon im 18. Jahrhundert versucht“, sagt Ritter. „Sie wirken wohl den Urängsten der Menschen entgegen.“
Oberösterreich kennt die Redensart „D’ Raunacht san vier, zwoa foast und zwoa dirr“ – also vier Raunächte, zwei „feiste“ (mit festlichem Essen, etwa Thomasnacht und Dreikönigstag) und zwei „dürre“ (Fasttage, nämlich Heiligabend und Silvester).
Im Innviertel ziehen Kinder beim Rauschnittn-Betteln in schlichter Kleidung von Hof zu Hof und bitten um Gaben. Der Name geht auf ein einfaches Gebäck aus Brotresten und Bratenfett zurück; der Brauch erinnert daran, dass Betteln nur in der Dreikönigsnacht erlaubt war.
In der Steiermark gedenkt man am 28. Dezember der „Unschuldigen Kinder“. Der Sage nach zieht in dieser Nacht Frau Perchta mit den Seelen ungetaufter Kinder umher – daher soll keine Wäsche hängen bleiben, damit sich die Seelen nicht darin verfangen. Am nächsten Morgen folgt das Schappen: Kinder wünschen mit Ruten gute Gesundheit und erhalten Speisen.
In Südtirol wird als dritte Raunacht die Kinignåcht („Könignacht“) gefeiert, die auf den Dreikönigstag verweist.
In Bayern gilt besonders der 5. Januar als wichtigste Raunacht: Beim Raunubedln ziehen verkleidete Kinder und Jugendliche von Haus zu Haus, sagen Spottverse auf und erhalten Krapfen oder Kleingeld – ein Brauch, der an norddeutsche Formen wie das Rummelpottlaufen erinnert.
Text von Rick Albrecht
Aberglaube
Ein fast wahrer Raunächte-Bericht – oder:
Besser Obacht in der Raunacht!
Geschenke-Organisationsmarathon, Weihnachtsfeier-Hopping, Heilig-Abend-Familien-Tragödien-Schauplatz-Festlegungs-Hin-und-Her: Die staade Zeit hat mit Erholung meist wenig zu tun. Aber wem sag ich das? Beruhigenderweise ist das überall das Gleiche.
Bilder
Altes loslassen, Vergangenes reflektieren und das Neue bewusst vorbereiten, begleitet von Ruhe, Rückzug und rituellen Handlungen: Die Raunächte sind nicht mehr weit. Es ist die sogenannte Schwellenzeit, eine Zeit des Übergangs, in der alte Ordnung endet und neue beginnt. Die klassischen, bekannten Raunächte – zwölf an der Zahl – sind allerdings nur ein Ausschnitt eines viel größeren Systems von Übergangstagen. Durch die Christianisierung wurden manche dieser Feste übernommen, andere zeitlich verschoben und einige vollständig verdrängt.
Zu den bekannten Raunächten gesellen sich noch mindestens 16 weitere gleichwertige Schwellenzeiten, die früher dieselbe Bedeutung für Orakel, Ahnengedenken, Geisterglauben und Jahresmagie hatten.
Darunter ragen zehn besonders starke hervor:
Samhain, Martini, Andreas, Luzia, Thomas, Imbolc, Walpurgis, Beltane, Mittsommer, Lughnasad.
Wir wollen sie wieder in Erinnerung rufen – die vergessenen Raunächte
Samhain gilt als einer der wichtigsten Fixpunkte des keltischen Jahres. Er markierte den Übergang vom Sommer- ins Winterhalbjahr und war ein Zeitraum mit besonderem sozialem und rituellem Gewicht.
Impuls für diesen Tag: Eine besonders gute Zeit für Ahnenarbeit, Loslassen, Innenschau und Abschiednehmen von allem, was im „alten Jahr“ bleiben soll.
Der Martinstag läutete historisch die vorweihnachtliche Fastenzeit ein. Ökonomisch war er der Punkt, an dem das landwirtschaftliche Jahr endete und Vorräte eingelagert waren. Der 11. November markierte einst den Beginn der vierzig Tage vor der Wintersonnenwende – eine Schwelle von Fülle zu Einkehr.
Impuls für diesen Tag: Dankbarkeit für das Erntejahr, Haus, Herz und Geist auf Ruhe und „auf Winter stellen“.
Die Andreasnacht gilt in vielen Regionen als frühe und besonders starke Orakelnacht und als Auftakt zu den winterlichen „Losnächten“. Sie eröffnet die Zeit der Zeichen, Vorahnungen und Träume.
Impuls für diesen Tag: Traumtagebuch führen, Schutzrituale durchführen und sich Gedanken über den gewünschten Verlauf der eigenen Zukunft machen.
Der Luzientag war im julianischen Kalender lange der kürzeste Tag des Jahres. Luzia legt das Licht-Saatkorn in die Dunkelheit: das Versprechen der Rückkehr des Tages.
Impulse: Inneres Ausmisten, Klärung der eigenen Absicht für den Winter.
Die Thomasnacht markiert den rechnerischen Sonnenwendtag. In der traditionellen europäischen Zeitrechnung galt sie als besonders bedeutender Moment im astronomischen Zyklus.
Impulse: Orakel, Kontakt zu Ahnen und Naturwesen
Imbolc markierte im keltischen Jahr den Übergang vom tiefen Winter zur beginnenden Saison. Mit Lichtmess übernahm die Kirche diesen Termin und gab ihm eine neue Bedeutung.
Impulse: Kerzenrituale, Klärung neuer Wege, sanftes Erwachen der Lebenskräfte.
Die Nacht markiert traditionell den Übergang vom Frühling zum Sommer, in der die Kräfte der Natur besonders aktiv sind. Obwohl weit entfernt vom bekannten Raunachtszeitraum, gehört die Walpurgisnacht zu den wichtigsten europäischen Schwellenfesten.
Impulse: Loslassen alter Lasten, Haus, Körper und Geist reinigen, Verbindung zur Natur und zu innerer Freiheit spüren.
Ein keltisches Fest der Fruchtbarkeit und des Wachstums. Es ist der Beginn der hellen Jahreshälfte und symbolisiert die Kraft des Lebens, der Natur und der Gemeinschaft.
Impulse: Dankbarkeit für Lebensenergie und Fülle, Ziele und Visionen visualisieren, Bewegung, Tanz und Rituale zur Aktivierung der Lebenskräfte.
Die Mittsommernacht gehört zu den ältesten europäischen Schwellenzeiten und war einst eines der wichtigsten Feuerfeste. Heute wirkt sie, ähnlich wie Lughnasad, in ihrem ursprünglichen Sinn nahezu ausgelöscht – überlagert von Johannisfeuern, Volksfesten und Folklore.
Doch auch Midsommar ist eine echte Schwellennacht: Der Tag ist am längsten, das Licht am stärksten.
Impulse: Ehrung des Lichts, Einsicht, Klarheit, Wahrnehmung, Dank für Wachstums- und Lebenskräfte, bewusstes Annehmen des Wandels.
Lughnasad ist das am stärksten aus dem modernen Brauchtum verschwundene keltische Hauptfest. Dabei ist die „Sommer-Raunacht“ die Schwelle, an der die Kräfte wieder kippen – vom Hochsommer in den abnehmenden Teil des Jahres.
Impulse: Opfergaben, Dank an die Erde, Bilanz des Jahres, Vorbereitung auf Samhain.
Diese Nächte standen – genau wie die Rauhnächte – zwischen den Zeiten, zwischen den Welten, zwischen Licht und Dunkel, Ordnung und Chaos, und sie markieren die großen Atemzüge des alten europäischen Jahres.
Bilder
Die Wilde Jagd – Ein geisterhafter Ritt durch Mythos und Zeit
In der Dunkelheit des Winters im Mittelalter, wenn der Wind heulte und die Nächte lang waren, verschlossen die Menschen ihre Türen und wagten kaum, zum Himmel zu schauen – denn sie fürchteten die Wilde Jagd, eine gespenstische Armee ruheloser Seelen, die unter der Führung von Göttern, Geistern oder verdammten Königen durch Sturm und Wind durch die Lüfte raste.
Wer sie sieht, so hieß es, dem droht Unheil oder gar der Tod.
Zahlreiche Verbote begleiteten die Zeit: Man durfte nicht spinnen, rühren oder waschen, um böse Geister fernzuhalten. Wäscheleinen galten als gefährlich, da sich die „Wilde Jagd“ darin verfangen könnte. Ordnung, Fasten und Gebet galten als Schutz. Über die Einhaltung wachten oft mythologische Figuren wie die Roggenmuhme oder Perchten, die faule Mägde straften. Auch heute verzichten viele Familien noch immer auf das Wäschewaschen zwischen Weihnachten und Neujahr – oft ohne den Ursprung dieses alten Aberglaubens zu kennen.
Ursprünge und Sinnbilder
Die Wurzeln dieser Legende reichen vermutlich bis in die frühesten indogermanischen Glaubenswelten zurück. Schon damals in der Bronzezeit glaubte man, dass in bestimmten Jahreszeiten – besonders im Winter – die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Geister dünn werde. In Skandinavien zeigen bronzezeitliche Felsritzungen Reiter und Prozessionen, die als Sinnbilder für die Seelenfahrt verstanden werden können. Der Winter mit seinen langen Nächten und Entbehrungen verlieh dem Mythos Gestalt: Er wurde zum Ausdruck der Angst vor dem Tod, dem Verlust und der unbändigen Natur.
Schamanische Einflüsse
Schamanische Überlieferungen aus Nordeuropa erzählen von Seelenreisen und ekstatischen Trancen, in denen Menschen durch den Himmel flogen. Solche Vorstellungen verbanden sich mit der nordischen Gottheit Odin, der selbst als Wanderer zwischen den Welten galt. In vielen Erzählungen führt er die Jagd auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir, begleitet von Wölfen und Raben.
Regionale Gestalten
In den germanischen Ländern wurde die Wilde Jagd häufig mit Wotan oder Odin in Verbindung gebracht, während in Norwegen der düstere Zug der Oskorei genannt wurde – ein Heer ruheloser Seelen, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren. In anderen Gegenden übernahm eine weibliche Gestalt die Führung: Frau Gauden, Frau Holle oder Perchta, die sowohl strafend als auch schützend auftrat. Ihre Spuren leben bis heute in den Perchten- und Krampusläufen im Alpenraum fort.
Verwandte Mythen Europas - Frauen, Dämonen und verlorene Seelen
Auch außerhalb des germanischen Raumes begegnet man der Vorstellung vom geisterhaften Reiterheer. Je nach Region führte eine andere Gestalt die Jagd an: in Norwegen die düstere Oskorei, in Deutschland und Österreich Perchta oder Frau Holle (Holla die Waldfee), die böse und faule Menschen bestrafte, Fleißige aber belohnte. In Wales jagt Gwyn ap Nudd mit den Hunden der Anderswelt, den Cŵn Annwn, durch den Himmel. In England erzählt man von Herne dem Jäger, einem geweihten Geist, der im Windsor Forest spukt. Die Schotten kennen die Sluagh, die Seelen der Unversöhnten, die vom Westen her die Lebenden heimsuchen. Selbst in Osteuropa (als Dziki Gon in Polen) und in Italien oder Frankreich finden sich Varianten, die bis nach Québec in die Neue Welt gelangten.
Überall war die Jagd ein Sinnbild für Tod, Gericht und das drohende Chaos der Winterzeit.
Christliche Deutung - Vom Götterzug zur Höllenvision
Mit der Christianisierung Europas wandelte sich die Deutung der Jagd. Aus dem göttlichen Zug der Ahnen wurde eine teuflische Prozession verdammter Seelen. Die Kirche nutzte den Mythos als moralische Warnung: Wer sündigte, riskiere, selbst Teil der höllischen Jagd zu werden. Odin wurde dämonisiert, seine himmlischen Reiter zu Büßern. Doch die Geschichten ließen sich nie völlig verdrängen – sie lebten weiter in Volkserzählungen und kirchlich überformten Bräuchen.
Ein Mythos, der weiterlebt
Spätere Forscher wie Jakob Grimm sahen in der Wilden Jagd eine entstellte Erinnerung an einst göttliche Prozessionen, die ursprünglich Segen brachten. Andere, wie Carlo Ginzburg oder Hans Peter Dürr, interpretierten sie als Symbol des Kampfes zwischen Ordnung und Chaos. Heute vermuten Historiker, dass die Legende auch als Erklärung für Naturphänomene diente – Sturm, Donner und Wind, die im Volksglauben als Reiterheer gedeutet wurden.
Die Wilde Jagd ist in Kunst und Literatur bis heute lebendig. Maler wie Peter Nicolai Arbo, Dichter wie Goethe oder Komponisten wie Richard Wagner griffen das Motiv auf. Auch moderne Werke wie The Witcher oder Der Herr der Ringe knüpfen daran an.
Ihr Erfolg liegt in der universellen Botschaft: Die Wilde Jagd steht für das Unkontrollierbare, das Unbegreifliche und die ewige Angst vor dem Tod. Sie ist nicht nur eine Geistergeschichte, sondern ein Spiegel menschlicher Urängste – der Versuch, Chaos, Winter und Tod in eine erzählbare Form zu bringen.
Schlussfolgerung
Die Wilde Jagd ist ein europaweit verbreiteter Sagenkomplex, in dem ein übernatürlicher Zug – das „wilde Heer“ – durch Himmel oder Wälder zieht und Menschen, Tiere oder Seelen mit sich fortnimmt oder ihnen Vorbote von Unglück ist.
Wesentliche Merkmale:
Das Heer wird häufig in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönigstag (also in den sogenannten Raunächte / Zwölfnächten) gesehen.
Es besteht aus Wesen, die meist einen gewaltsamen oder vorzeitigen Tod gestorben sind; auch Tiere ziehen mit.
Wer die Jagd sieht oder provoziert, kann Unheil erfahren – z. B. Krankheit, Entführung oder ewiges Mitjagen.
Der Anführer variiert regional: z. B. Wodan/Odin im Norden, in Deutschland und Alpenraum u. a. Perchta oder andere Sagenfiguren.
Historischer Hintergrund & Deutung:
Erste schriftliche Zeugnisse stammen bereits aus dem 12. / 13. Jahrhundert im deutschen Sprachraum.
Mythologisch wird die Wilde Jagd u. a. als Überbleibsel germanischer Gottheiten- und Ahnenvorstellungen interpretiert, sowie als Ausdruck von Naturängsten und Mitternachts-Mythen im Winter.
Volkskundlich spielen Maskenumzüge, Perchten- und Schreckensfiguren eine Rolle, die wahrscheinlich zur Popularisierung des Motivs beigetragen haben.
Bezug zur heutigen Brauchlandschaft:
In Regionen wie dem Alpenraum finden sich noch Bräuche, die auf die Vorstellung der Jagd verweisen: etwa das Nichtwaschen oder das Vermeiden bestimmter Tätigkeiten zwischen Weihnachten und Neujahr.
Der Mythos der Wilden Jagd wirkt bis heute in Literatur, Musik und Popkultur nach – z. B. in Videospielen, Filmen oder Metal-Musik.
Text von Rick Albrecht
Bilder
Seit jeher faszinieren die drei Nornen der nordischen Mythologie: Urd, Verdandi und Skuld – die Hüterinnen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In ihrer Hand liegt der Schicksalsfaden aller Lebewesen, den sie am Brunnen der Weisheit spinnen, messen und schließlich entscheiden. Diese uralten Bilder vom Weben des Lebens berühren ein tiefes menschliches Bedürfnis: zu verstehen, wo wir herkommen, was uns im Moment trägt und wohin unsere Wege führen können.
Ihre Geschichten reichen weit über die Grenzen Skandinaviens hinaus. Sie sind Teil einer europäischen Erzähltradition, in der Naturgewalten, Götterwelt und Menschenleben eng miteinander verwoben sind. Gerade im Oberland, wo Landschaft, Kultur und historische Erfahrungen stark ineinandergreifen, findet das Bild der Nornen eine besondere Resonanz. Sie erinnern daran, dass Identität und Wandel immer in Beziehung zueinander stehen – dass jede Region, jede Gemeinschaft und jeder einzelne Mensch aus seinen Wurzeln schöpft, im Heute handelt und zugleich die Zukunft mitgestaltet.
So laden die drei Nornen dazu ein, nicht nur in die Mythenwelt einzutauchen, sondern auch über die eigene Zeit und die Geschichten des Oberlands nachzudenken: Was prägt uns? Was verändert sich? Und welchen Faden möchten wir selbst in dieses große Gewebe einbringen?
Dem Schicksal ergeben oder das Schicksal in der eigenen Hand?
„Ab dem Thomastag ist der Sonnenstand ganz tief, dann sind wir dem Mond und dem Himmlischen sehr nah“, beschreibt Margot Strötz. Sie ist eine der drei „Hollerfeen“ aus Bad Tölz, die u. a. Kurse zu heimischen Kräutern, Heilpflanzen, den Raunächten und Räucherzeremonien anbieten. Die 74-Jährige beschäftigt sich schon fast ihr gesamtes Leben mit dem energetischen Räuchern - nicht esoterisch, sondern als überzeugte Christin aus ihrem Glauben heraus. An diesem 21. Dezember beginnen für viele die Raunächte, eine magische Zeit, in der die Grenzen zur geistigen Welt durchlässig sind, so heißt es, und die Tore zum Mystischen geöffnet.
„Man sagt, die Schicksalsgöttinnen, die Nornen, weben die Schicksalsfäden“, erzählt die Tölzerin. Für sie aber ist klar: „Wir weben sie selber – jeder Mensch ist sein eigener Schöpfer!“
Urd, Verdandi und Skuld – das sind „die drei Nornen“. Laut der nordischen Mythologie schöpfen sie Wasser aus dem Urdbrunnen, um den Weltenbaum Yggdrasil zu pflegen, und weben sowie schreiben das Schicksal aller Lebewesen, sogar das der Götter. Urd steht dabei für die Vergangenheit, schaut zurück und symbolisiert das, was war. Verdandi für die Gegenwart, lebt im Moment und entscheidet über das, was gerade geschieht. Skuld symbolisiert die Zukunft, blickt nach vorn und formt, was noch kommen wird.
Jugend, Leben und Alter – dafür stehen die drei Nornen aus Sicht von Margot Strötz. „So ist es auch in den Familien: Die Generationen weben das Schicksal der Familienmitglieder, jedes Strickmuster ist anders, unterschiedlich – und wir können es ändern, denn jeder hat sein Strickmuster, seine Nadeln und seine Wolle selbst in der Hand!“
Selbst wenn einmal eine Masche von der Nadel fällt und das Auffangen Mühe kostet – einen Versuch ist es immer wert, auch für denjenigen, der nicht stricken kann.
Bilder
„Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine Zeit der Zeichen und Wunder und des Übergangs in die neue Jahresrunde, die schönste Zeit des Jahres“, schwärmt Margot Strötz. Sie ist eine der drei „Hollerfeen“ aus Bad Tölz, die Räucherrituale zur Reinigung von Räumen und Menschen durchführen, Räuchermischungen nach eigenen Rezepten anfertigen und bei Vorträgen zu besonderen Anlässen wie den Raunächten ihr Wissen weiter geben. Die 74-Jährige räuchert seit sechs Jahrzehnten und praktiziert die Raunächte so, dass sie in die heutige Zeit passen, „sonst macht das ja keiner mehr mit!“ Den Glauben an Wotan und seine „Wilde Jagd“, bei der sich Geister in der zum Trocknen aufgehängten Wäsche verfangen und mitgenommene Leinentücher im kommenden Jahr als Leichentücher wieder zurückbringen könnten, der sei nicht mehr zeitgemäß. Ihre zeitlosen und ganz persönlichen Raunachtsrituale hat sie uns verraten.
Die magische Zeit beginnt für Margot Strötz mit der Thomasnacht am 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnwende. Die Tölzerin erhellt die längste Nacht des Jahres auf der Nordhalbkugel mit einem Feuer in ihrem Garten. Mit dem aufsteigenden Rauch, in dem die hineingelegten Heilkräuter verglimmen, lässt sie das vergangene Jahr in Dankbarkeit gehen.
All die Erfahrungen des vergangenen Jahres, die schönen, die aufmunternden, an die man sich gerne erinnert, aber auch die traurigen, schlimmen, auf die man gerne verzichtet hätte, denn auch, oder gerade diese Erfahrungen haben uns etwas gelehrt.“ Jetzt brauchen wir diese Erfahrungen nicht mehr, wir hatten sie ja schon“, schmunzelt Margot Strötz, „also ab damit ins Universum.“
Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Glück
Die 1. bis zur 6. Raunacht, also von 24. bis 30. Dezember widmet Margot Strötz der Dankbarkeit. Jeden Abend nimmt sie sich die Zeit für sich, entzündet an einem ruhigen, gemütlichen Plätzchen ihr Räucherwerk und ist dankbar.
Dankbar für die Menschen, die sie das Jahr über begleitet haben, dankbar für die Schöpfung, unsere wunderschöne Heimat.
Die darauffolgenden sechs Tage dienen dem Segnen: „Das kommende Jahr, die neue Erdenrunde sozusagen, lege ich in die Hände der Dreifaltigkeit und bitte die geistige Welt, die Weichen für unser Leben zu stellen.“ Wie gehabt am ruhigen, ungestörten, gemütlichen Plätzchen, mit entsprechendem Räucherkraut.
Zwar hat jedes Heilkraut eine bestimmte, unterstützende Wirkung, aber es sei nicht so wichtig, welche Kräuter man benutzt. „Alles, was mit gutem Ansinnen und Liebe gemacht wird, da kann man nichts verkehrt machen!“, ist sich die Hollerfee sicher.
Ein besonderes Ritual für den Jahreswechsel
Am Silvestertag blickt Margot Strötz ein letztes Mal zurück aber vor allem nach vorne: „Wie soll das neue Jahr für mich werden, was wünsche ich mir? Was möchte ich erleben?“
Margot Strötz stellt sich eine wunderschöne, leere Kugel vor, die füllt sie in Gedanken mit ihren Vorstellungen und Wünschen, meist ideeller Art, aber auch Materielles darf hinein: „Der traumhafte Sonnenuntergang, duftende Rosen, wer mag auch den Ferrari oder die Weltreise, alles, was einem gut tut eben.“
Gefüllt mit schönen Dingen und Gefühlen, wird die Kugel in Gedanken von Monat zu Monat durch das kommende Jahr gerollt und der gewünschte Verlauf visualisiert – was, wie wir aus der Psychologie wissen, Fokus, Motivation und emotionale Ausrichtung positiv beeinflusst.
„Ich habe schon immer einen Kalender für das neue Jahr und bereits Termine eingetragen, dann kann ich zum Beispiel auch schon den Verlauf dieser Vorhaben visualisieren, so, wie ich es mir vorstelle, dass es sein soll, in Verbindung mit den höheren Mächten!“ Dabei sei es egal, woran man glaubt, an Gott, ans Universum, egal, welche Glaubensrichtung, das bleibe jedem selber überlassen.
Was allerdings nicht egal ist, ist die eigene Verfügbarkeit. „Man muss schon erreichbar sein, der Herrgott oder an wen man glaubt, muss mich schon kennen; wenn ich nicht bei mir bin, oder ganz banal, nie zu Hause, immer unterwegs, wie soll er mich denn dann erreichen, wie soll ich da kommunizieren können? Ein Freund erreicht mich auch nicht, wenn ich nie daheim bin“, erklärt Margot Strötz.
Kein Tag ohne Räuchern
Als Gastgeberin von Ferienwohnungen im historischen Malerhaus in Bad Tölz am Fuße des Kalvarienberges räuchert Margot Strötz täglich. Nach jedem Gast wird nicht nur räumlich, sondern auch energetisch gereinigt, denn schließlich „würde sich kein Mensch in ein vom Vorgänger benutztes Bett legen und die Energien sind ja auch vom Vorgänger“, erklärt die 74-Jährige und vergleicht das tägliche Räuchern mit einem Schnellputz, die Grundreinigung erfolge in den Raunächten.
Räuchern, klären, visualisieren – mit jedem Ritual entsteht Raum für Loslassen, Dankbarkeit und Wünsche. So beginnen wir die neue Erdenrunde voller Energie und Offenheit für alles, was da kommen mag.
Margot Strözt´ Segensspruch
Möge der goldene Regen des Segens fließen für die Menschen, die Tiere und Pflanzen und die leiten und tragen und möge der goldene Regen des Segens euch umhüllen und in die ganze Welt fliegen lassen zum Ruhme und zur Ehre der göttlichen Kräfte und möge der Friede in unserer Heimat und der ganzen Welt erhalten bleiben!
Aberglaube
Ein fast wahrer Raunächte-Bericht – oder:
Besser Obacht in der Raunacht!
Geschenke-Organisationsmarathon, Weihnachtsfeier-Hopping, Heilig-Abend-Familien-Tragödien-Schauplatz-Festlegungs-Hin-und-Her: Die staade Zeit hat mit Erholung meist wenig zu tun. Aber wem sag ich das? Beruhigenderweise ist das überall das Gleiche.