Bayrische Kurzohrmaus neu entdeckt
Wildes Oberland - Folge 3
Bayrische Kurzohrmaus neu entdeckt
Das „Wilde Oberland“ ist eine regelmäßig erscheinende Serie auf Zeit fürs Oberland, die die faszinierende Tierwelt der Region in den Mittelpunkt stellt.
Im Fokus stehen dabei ganz unterschiedliche Tiere des Oberlands: von der unscheinbaren Kurzohrmaus über die geheimnisvolle Kreuzotter bis hin zu imposanten Störchen, ziehenden Gänsen, dem Wolf oder dem selten gewordenen Fischotter. Jede Ausgabe widmet sich einer eigenen Art und beleuchtet deren Lebensweise, Lebensraum und Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht.
Die Serie zeigt, wie vielfältig und zugleich schützenswert die Tierwelt im bayerischen Oberland ist. Sie verbindet fundiertes Wissen mit anschaulichen Geschichten und macht deutlich, wie eng Natur und Mensch miteinander verwoben sind. „Wildes Oberland“ lädt dazu ein, genauer hinzusehen und die oft verborgene Wildnis direkt vor der eigenen Haustür neu zu entdecken.
Steckbrief: Bayerische Kurzohrmaus (Microtus bavaricus)
Ordnung: Nagetiere
Familie: Wühlmäuse (Cricetidae)
Gattung: Feldmäuse
Größe: Etwa 9 bis 10 Zentimeter
Aussehen: Klein, gedrungen, mit winzigen Augen und sehr kurzen Ohren
Entdeckung: Die Art wurde 1962 bei Garmisch-Partenkirchen beschrieben und galt in Bayern jahrzehntelang als verschollen. 2023 wurde sie bei Mittenwald wieder nachgewiesen
Lebensraum: An Bachrändern, in lichten Wäldern, halboffenen Wiesen, Gebüschen und Böden, in denen sie Gänge anlegen kann
Lebensweise: Sie verbringt viel Zeit verborgen im Boden
Nahrung: Vermutlich vor allem unterirdische Pflanzenteile, außerdem Gräser und Kräuter
Gefährdung: Akut bedroht, zählt zu den seltensten Kleinsäugern Europas
Schutz: Artenschutzprojekte, unter anderem mit Monitoring und Erhaltungszucht, sollen helfen, die wenigen bekannten Bestände zu sichern
Besonderheit: Sie steht für den Wert unscheinbarer Lebensräume
Spurensuche nach der Bayerischen Kurzohrmaus zur Sicherung ihres Bestandes
Die Bayerische Kurzohrmaus ist eines dieser Tiere, die fast niemand kennt, obwohl sie für Bayern eine besondere Bedeutung hat. Sie ist klein, unauffällig und lebt die meiste Zeit verborgen im Boden. Mit etwa neun bis zehn Zentimetern Körperlänge, einem Gewicht von rund 18 bis 28 Gramm, winzigen Augen und sehr kurzen, fast im Fell versteckten Ohren gehört sie zu den seltensten Kleinsäugern Europas. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Microtus bavaricus. Erstmals beschrieben wurde die Art 1962 bei Garmisch-Partenkirchen von Dr. Claus König, einem damaligen Mitarbeiter der Vogelschutzwarte.
Danach verlor sich ihre Spur. Am ursprünglichen Fundort bei Partenkirchen konnte sie trotz wiederholter Nachsuchen über Jahrzehnte nicht mehr nachgewiesen werden. Vermutet wird, dass menschliche Eingriffe ihren Lebensraum stark verändert haben. Erst im Herbst 2023 gelang bei Mittenwald wieder ein sicherer Nachweis in Bayern. Zunächst zeigten Wildkameras Tiere, die äußerlich zur Bayerischen Kurzohrmaus passen könnten. Sicher war das aber noch nicht, denn sie lässt sich auf Fotos kaum zuverlässig von verwandten Kurzohrmaus-Arten unterscheiden.
Die Suche nach ihr war mühsam. Schon seit 1990 hatte es verschiedene Versuche gegeben, die Art im Raum Garmisch-Partenkirchen wiederzufinden. Ab 2017 suchte das Bayerische Landesamt für Umwelt gezielt nach möglichen Restbeständen, unter anderem mit Wildkameras, Lebendfallen und genetischen Untersuchungen. Verwandt ist sie mit der gewöhnlichen Kurzohrmaus (Microtus subterraneus) auch Kleinwühlmaus genannt. Sie ist in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas verbreitet. Äußerlich ähneln sich beide Arten stark. Genau das macht die Bayerische Kurzohrmaus so schwer nachweisbar. Auf Wildkameraaufnahmen lassen sich Microtus bavaricus und Microtus subterraneus nicht sicher voneinander unterscheiden. Für einen eindeutigen Nachweis braucht es deshalb meist Lebendfang und genetische Untersuchungen. Das Bayerische Landesamt für Umwelt ordnete die Tiere auf Wildkamerabildern zunächst dem Artenpaar Microtus bavaricus/subterraneus zu; erst die Genanalyse bestätigte später den Wiederfund der Bayerischen Kurzohrmaus.
Ihr Lebensraum ist unscheinbar, aber anspruchsvoll. Die Bayerische Kurzohrmaus braucht strukturreiche Übergänge zwischen Wald und Offenland: lichte Wälder, halboffene Wiesenbereiche, Bachnähe, einzelne Bäume, Gebüsche und tiefgründige, stabile Böden, in denen sie ihre Gangsysteme anlegen kann. Am Ort der Wiederentdeckung bei Mittenwald waren lichte Schneeheide-Kiefernwälder vorherrschend. Noch ist nicht abschließend geklärt, welche Lebensräume für die Art besonders geeignet sind. Das soll nun weiter erforscht werden.
Auch außerhalb Bayerns ist die Art nur von wenigen Stellen bekannt. 2001 wurde sie im Rofangebirge in Tirol entdeckt, unweit der deutsch-österreichischen Grenze. Früher nahm man an, dass sie möglicherweise eine Reliktart aus der Eiszeit ist, die in einem kleinen Alpenraum überdauert hat. Spätere genetische Funde aus Ostkroatien machten die Geschichte komplizierter. Vielleicht war ihr früheres Verbreitungsgebiet größer, vielleicht wurden manche Gebiete erst nach der Eiszeit besiedelt. Sicher ist vor allem, dass heute nur sehr wenige Vorkommen bekannt sind.
Heute gilt die Bayerische Kurzohrmaus als akut bedroht. Die internationale Weltnaturschutzunion IUCN führt sie als „vom Aussterben bedroht“, in der Roten Liste wird sie als „ausgestorben“ gelistet. Schutzprojekte sollen helfen, die wenigen bekannten Bestände zu sichern. Seit März 2025 läuft ein grenzübergreifendes Artenschutzprojekt, das vom Alpenzoo Innsbruck-Tirol und dem Bayerischen Landesamt für Umwelt gemeinsam umgesetzt wird. Gefördert wird es über das INTERREG-Programm Bayern-Österreich in der Region Zugspitze-Wetterstein-Karwendel. Dazu gehören Monitoring, Öffentlichkeitsarbeit und der Aufbau einer Erhaltungszucht. Tiere aus Tirol wurden bereits in den Alpenzoo Innsbruck gebracht, wo sie sich erfolgreich vermehrten und an weitere Haltungen in Deutschland und Österreich abgegeben wurden.
Inzwischen gibt es auch im Münchner Tierpark Hellabrunn Nachwuchs bei den seltenen Kurzohrmäusen. Das ist mehr als eine nette Zoogeschichte, denn solche Zuchten können helfen, eine Reservepopulation aufzubauen und die Art langfristig zu sichern. Auf lange Sicht könnten daraus auch Auswilderungen entstehen, wenn geeignete Lebensräume vorhanden und ausreichend geschützt sind.
Die Bayerische Kurzohrmaus erzählt damit nicht nur von einer seltenen Tierart, sondern auch von einer Landschaft, die aus kleinen Strukturen besteht. Bachränder, Waldsäume, lichte Bergwälder, alte Nutzungsformen und unaufgeräumte Übergänge sind für solche Arten entscheidend. Ihr Wiederfund zeigt, dass selbst in gut bekannten Regionen noch verborgenes Leben existieren kann – leise, klein und kaum sichtbar, aber ökologisch wertvoll.
Text von Rick Albrecht