Die Werdenfelser Fasnacht Larven der Werdenfelser Fasnacht Eine Zeitleiste zum Fasching
Fasching im Oberland
Die Werdenfelser Fasnacht Larven der Werdenfelser Fasnacht Eine Zeitleiste zum Fasching
Die Werdenfelser Fasnacht (im lokalen Sprachgebrauch häufig „Fosnocht“) gehört zu den markantesten Ausprägungen des oberbayerischen Fasnachtsbrauchtums. Im Zentrum stehen das Maschkera-Gehen (maskiertes Umherziehen), die Gungl (Treffpunkt- und Tanzpraxis in Wirtshäusern) sowie auffällige, handgeschnitzte Holzlarven (Larvenmasken). Der Beitrag ordnet diese Traditionen in ihren historischen Rahmen (Werdenfelser Land als Grenz- und Transitregion), erklärt die religiöse Einbettung in den Kirchenkalender (Vorfastenzeit) und diskutiert Deutungen, die von spätmittelalterlichen Fastnachtstraditionen bis zuvorchristlich konnotierten Winter- und Fruchtbarkeitsvorstellungen reichen. Zugleich wird die heutige Praxis in Mittenwald beschrieben – mit konkreten Hinweisen zu Zeitfenstern und Veranstaltungsorten.
Region und Begriff: Was „Werdenfelser Fasnacht“ meint
Unter „Werdenfelser Fasnacht“ wird im engeren Sinn das Fasnachtsbrauchtum im Werdenfelser Land (u. a. Mittenwald, Krün, Wallgau, teils angrenzende Orte im Landkreis Garmisch-Partenkirchen) verstanden. Charakteristisch ist, dass die Tradition weniger als „Bühnenkarneval“ oder organisierter Umzug erscheint, sondern als dörflich-urbane Praxis: Maskierte Gruppen bewegen sich durch Ortszentren und Wirtshäuser, musizieren, tanzen, „ruozen“ (maskiertes Raunen) und treten als historisch gewachsene Figurengruppen auf. Die lokale Tourismusdokumentation beschreibt Mittenwald, Krün und Wallgau in der Faschingszeit alsRäume, in denen „gewöhnlich viele Maschkera“ in aufwändigen Gewändern und handgeschnitzten Holzlarven unterwegs sind.
Der Begriff Maschkera / Maschgara wird im Werdenfelser Kontext oft als Sammelbezeichnung für maskierte Akteure gebraucht. Eine museale Darstellung führt den Begriff über italienisch maschere auf ein arabisch-sizilianisches mascara („Narrenkostüm“) zurück. Auch wenn Etymologien regional variieren können, verdeutlicht diese Herleitung die lange europäische Masken- und Maskerade-Tradition, die sich in Alpenräumen jeweils eigenständig ausprägte.
Fastnacht als „Vorabend des Fastens“
Fastnacht/Fasnacht ist historisch eng an die vorösterliche Fastenzeit gebunden. Sprachgeschichtlich verweist bereits das Wort auf diesen Rahmen: Der Duden leitet Fastnacht aus mittelhochdeutsch „vastnaht“ ab, verstanden als „Vorabend der Fastenzeit“. Diese Einbettung ist nicht nur begrifflich, sondern funktional: Fastnacht ist das markante Übergangsfest zwischen „Alltag“ und Buß- und Enthaltsamkeitszeit.
Ein religionsgeschichtlicher Zugriff macht dabei zwei Ebenen sichtbar:
Kalenderlogik (Kirche/Ökonomie): In vormodernen, agrarisch geprägten Gesellschaften war die Zeit vor der Fastenperiode auch eine Phase, in der verderbliche Vorräte (Fleisch, Fett, Eier) verbraucht wurden. Das Virtuelle Fastnachtsmuseum betont, dass sich Namen wie „Fastnacht“ und „Carnevale“ unmittelbar auf die nahende Abstinenzzeit beziehen und Fastnacht zunächst auch eine wirtschaftliche Funktion als „Abschied vom Fleischgenuss“ hatte.
Soziallogik (Ausnahme/„verkehrte Welt“): In vielen europäischen Räumen etabliert sich Fastnacht als temporäre Ausnahmeordnung, in der soziale Rollen spielerisch verschoben werden, Kritik in ritueller Form möglich ist und normierte Verhaltensregeln gelockert erscheinen.
Gerade die Werdenfelser Tradition des Unerkanntseins und des „ruozen“ lässt sich als lokale Ausprägung dieser europäischen Fastnacht-Soziallogik lesen: Der Reiz entsteht nicht nur aus dem Kostüm, sondern aus einer kalkulierten Identitätsverschleierung, die – im Rahmen kulturell akzeptierter Regeln – andere Formen der Ansprache ermöglicht.
Figuren, Performanz und soziale Regeln
Die Werdenfelser Fasnacht ist ein System aus Figuren, Bewegungsmustern, Klang und sozialer Interaktion. Drei Elemente sind besonders prägend:
Unerkanntheit als Regel
Das Unerkanntbleiben ist nicht Nebeneffekt, sondern Norm: Maskierte verändern Stimme und Auftreten; in der Beschreibung wird betont, ein Maschkera „spricht“ nicht, sondern „ruozt“ mit Kehlstimme. In anderen Darstellungen wird zudem hervorgehoben, dass Holzmasken in der Öffentlichkeit nicht abgenommen werden sollen.
Musik und Lärm als „Wirkmittel“
Der Klang ist zentral: Maschkera ziehen musizierend und juchzend durch die Ortszentren. Historisch lässt sich dies in die breite europäische Tradition der Lärmbrauchtümer einordnen (Wintervertreibung, Markierung eines liminalen Zeitfensters). In Mittenwald wird die Gegenwartspraxis zugleich als lebendige Musikkultur sichtbar: Es wird betont, dass es viele Musikgruppen gibt und heute stärkermusikalisch agiert wird als früher, als auch „Femegericht“-artige Praktiken erwähnt werden.
Typische Gruppen und Motive
Lokale Berichte nennen wiederkehrende Gestalten und Kostümtypen (z. B. Daxenmannl, Fleckerlg’wand, Predikant, verschiedene „knorrige“ Figuren).
Ganz wichtig: Diese Figuren sind nicht überall identisch; sie funktionieren als lokales Repertoire, das von Generation zu Generation variiert und ergänzt wird.
Mittenwald heute: Zeitfenster, Orte und zentrale Veranstaltungen
Wann findet die Werdenfelser Fasnacht statt?
Das Zeitfenster orientiert sich an der kirchlichen Ordnung zwischen Dreikönig (6. Januar) und Aschermittwoch. Für die Alpenwelt Karwendel wird explizit erwähnt, dass man in der restlichen Faschingszeit „zwischen Dreikönig und Aschermittwoch“ verkleidete Gestalten sieht.
Ein wichtiges Strukturmerkmal: Maschkera sind nicht „ständig“ unterwegs, sondern an bestimmten Tagen. In einer Mittenwalder Darstellung wird beschrieben, dass man sich an Maschkera-Tagen – insbesondere montags, dienstags oder donnerstags – trifft. Eine weitere touristische Quelle formuliert dies als Regel: Maschkera geht man nur an bestimmten Wochentagen (u. a. Sonntag, Montag, Dienstag, Donnerstag).
Die „Gungl“: Wirtshaus als ritueller Raum
Die Gungl ist der bevorzugte Treffpunkt: Früher eher tagsüber in Bauernstuben, heute abends in Mittenwalder Wirtshäusern, wo Maschkera tanzen und das Publikum unterhalten. Damit wird die Fasnacht räumlich in das Netz traditioneller Wirtshauskultur eingebettet – ein zentraler Unterschied zu Karnevalsformen, die primär über große Umzüge und Bühnenprogramme funktionieren.
Unsinniger Donnerstag: Höhepunkt im Ortskern
Als „Hochtag“ gilt der Unsinnige Donnerstag (dieses Jahr am 12.02.2026). In Mittenwald ist der dramaturgische Kern stark ritualisiert: Mit dem Mittagsschlag der Pfarrkirche St. Peter und Paul springen die Schellenrührer aus einem historischen Hauseingang; geführt vom „Vorläufer“ (Symbol des Frühjahrs) wecken zwölf Schellenrührer – je einem Kalendermonat zugeordnet – mit schweren Kuhglocken die Frühlingsgeister.
Weitere Termine im Fasnachtskalender
Da das Osterdatum jährlich wechselt, verschieben sich auch die Fasnachtstermine.
Termine 2026:
Unsinniger Donnerstag (12.02.)
Fosnochtskranzle (15.02.)
Fosnochtssonntag (15.02.)
Fosnochtsmontag (16.02.)
Fosnochtsdienstag (17.02.)
Die Werdenfelser Fasnacht im europäischen Kontext
Die Werdenfelser Fasnacht wirkt „archaisch“, steht aber nicht isoliert. Drei Vergleichsachsen sind aufschlussreich:
Alpenraum: Masken, Lärm, Winteraustreibung
Im gesamten Alpenraum (Bayern, Tirol, Salzburg, Vorarlberg, Schweiz) finden sich Winter- und Vorfastenbräuche mit Masken und Lärm. Die Werdenfelser Form ist dabei weniger „dämonisch“ als viele Perchtenläufe, aber ähnlich in der Grundidee einer klanglich-performativen Grenzzeit zwischen Winter und Frühling.
Schwäbisch-alemannische Fastnacht: „Larven/Schemmen“
Im südwestdeutschen und schweizerischen Raum heißen Holzmasken ebenfalls Larven bzw. Schemmen; die Wort- und Objektkultur ist damit kulturgeografisch anschlussfähig. Unterschiede liegen jedoch in Organisationsformen (Narrenzünfte, feste „Häs“-Ordnungen) und in der regionalen Dramaturgie (z. B. Basel mit stark satirischem Schwerpunkt).
Städtischer Karneval (Rheinland/Venedig): Bühne, Politik, Repräsentation
Im Vergleich zu Köln/Mainz/Venedig ist Mittenwald weniger „paradezentriert“ als interaktionszentriert: Das soziale Geschehen spielt sich in Gassen und Wirtshäusern ab, die Maske dient weniger der anonymen Masse als der gezielten Rollenkommunikation im Nahraum.
Gegenwart und Wandel: „Authentizität“ als Praxis, nicht als Museum
Aktuelle Darstellungen betonen, dass die Tradition lebt, weil sie praktiziert wird: Junge Gruppen „gehen wieder gut Maschkera“, entwickeln Neues und halten zugleich die Regel aufrecht, dass Maschkera-Sein nicht mit beliebiger Narrenfreiheit verwechselt werden darf. Gleichzeitig verschieben sich Akzente: Wo früher stärker soziale Kontrolle und Spott im Vordergrund standen, wird heute häufiger Musik betont.
Für Mittenwald ergibt sich daraus ein typisches Spannungsfeld moderner Brauchtumskultur:
Touristische Sichtbarkeit nimmt zu (Kalender, Eventkommunikation, Fotografie)
Lokale Regelbindung bleibt zentral (Unerkanntsein, stimmliche Verstellung, Maskendisziplin)
Handwerkliche Qualität der Larven wird als kulturelles Kapital gepflegt (Familienfundus, Schnitztradition, Weitergabe)
Gerade diese Kombination erklärt, warum die Werdenfelser Fasnacht trotz medialer Präsenz nicht einfach zur „Show“ wird: Sie ist ein Handlungswissen (wann, wie, mit wem, in welcher Maske), das sich jedes Jahr neu bewährt.
Die Werdenfelser Fasnacht lässt sich als regional verdichtete Form der europäischen Vorfastnacht verstehen: Sie ist religiös im Kirchenkalender verankert (Fastnacht als Vorabend/Schwelle zur Fastenzeit), historisch über Jahrhunderte in lokalen Sozialformen stabilisiert und kulturell durch die Larvenmasken materialisiert. In Mittenwald konzentriert sich das Geschehen bis heute auf den Ortskern und kulminiert im Unsinnigen Donnerstag mit den Schellenrührern als stark symbolisch aufgeladenem Ritual.
„Vorchristliche“ Motive wie Wintervertreibung oder Fruchtbarkeitsvorstellungen sind dabei weniger als beweisbare lineare Ursprünge zu verstehen, sondern als Deutungsschicht, die dem Brauch Sinn und Erzählkraft verleiht – während die beobachtbare Praxis ihre Stabilität aus sozialer Regelbindung, Handwerk und performativer Gemeinschaft gewinnt.
Weitere Artikel zum Thema
Text von Rick Albrecht
Larven als Kulturobjekte zwischen Religion, Sozialordnung und Handwerk – mit Fokus auf Mittenwald
Die Werdenfelser Fasnacht ist im Kern eine Maskentradition: Ohne „Larven“ – die handgeschnitzten Holzmasken – gibt es keine „echten Maschkera“. In Orten wie Mittenwald werden Larven nicht nur getragen, sonderngehütet, vererbt und rituell eingesetzt. Sie ermöglichen Anonymität, Rollenwechsel und eine zeitlich begrenzte „Ausnahmeordnung“ vor Beginn der Fastenzeit. Gleichzeitig verweisen Material, Form und Herstellungauf eine regionale Handwerkskultur, die mit dem Werdenfelser Raum eng verbunden ist.
Was eine „Larve“ im Alpenraum bedeutet
Im süddeutschen und alpinen Sprachraum bezeichnet „Larve“ eine Maske, die zur Fastnacht getragen wird. Der Begriff wird häufig etymologisch auf lateinisch larva („Gespenst“) bezogen; regional existiert zudem dieBezeichnung „Scheme/Schemme“ (althochdeutsch scema, „hölzerne Maske“). Damit ist bereits sprachlich markiert, was die Larve leistet: Verwandlung, Verstellung und ein Spiel mit Identität.
In der Werdenfelser Fasnacht ist die Larve kein beliebiges Accessoire, sondern ein Schlüsselobjekt: Sie definiert, wer als Maschkera gilt, und strukturiert die Interaktion mit dem Publikum. Eine regionale Darstellungformuliert es pointiert: Die „Larve“ sei „das Um und Auf“ der Maschkera.
Religiöser Rahmen: Maskierung als Schwellenpraxis vor der Fastenzeit
Fastnacht ist historisch an den christlichen Festkalender gebunden: Sie liegt unmittelbar vor der Fastenzeit, die am Aschermittwoch beginnt. Für das Werdenfelser Land wird dieser Bezug in vielen Darstellungen explizit über den Zeitraum „zwischen Dreikönig und Faschingsdienstag/Aschermittwoch“ beschrieben – also als klar begrenzte Festzeit im Winterhalbjahr.
Die Larve wirkt in diesem religiösen Zeitfenster als Schwelleninstrument:
Sie markiert den Übergang in eine Phase, in der soziale Routinen gelockert sind, bevor mit der Fastenzeit wieder Ordnung, Verzicht und ritualisierte Ernsthaftigkeit dominieren.
Sie ermöglicht eine religiös gerahmte Form von „Weltverkehrung“, die nicht außerhalb, sondern innerhalb einer tradierten Festlogik stattfindet.
Sozialer Kontext: Anonymität, Rollenwechsel und lokale Regeln
In dörflich geprägten Räumen wie Mittenwald ist soziale Nähe der Normalzustand: Man kennt sich, man wird erkannt. Genau hier entfaltet die Larve ihre soziale Funktion. Sie schafft kontrollierte Anonymität und ermöglicht Interaktion „auf Abstand“ – nicht räumlich, sondern identitär.
In Mittenwald wird diese Logik besonders deutlich: Maschkera ziehen durch Gassen und Wirtshäuser, musizieren, jodeln oder juchzen. Die Larve ist dabei das Mittel, um nicht als Privatperson, sondern als Figur aufzutreten.
"Gungln“: Wirtshausräume als Bühne der Maske
Ein zentraler Handlungsraum ist das Wirtshaus. In Mittenwald treffen sich Maschkera an bestimmten Tagen zum „Gungln“ – Singen, Tanzen, geselliges Spiel in Lokalen. Die Maske wirkt hier doppelt: Sie macht aus dem Wirtshaus einen rituell aufgeladenen Raum und aus dem Besucher eine Art Publikum, das „miträt“, wer sich hinter der Larve verbirgt.
Regelbindung statt Beliebigkeit
Die Anonymität der Larve ist nicht grenzenlos. Regionale Beschreibungen betonen, dass Maschkera-Sein an Regeln gebunden ist (Zeitfenster, Auftreten, bestimmte Tage). Gerade diese Regelbindung stabilisiert die Tradition: Die Larve steht nicht für Chaos, sondern für eine kulturell legitimierte Ausnahme mit klarer Zeitbegrenzung.
Historische Tiefenschichten: Warum gerade Holzlarven?
Die Werdenfelser Larven sind eng mit einer historischen Handwerks- und Besitzkultur verbunden. In Mittenwald werden Holzlarven als „Schätze“ beschrieben, die man sorgsam verwahrt – nicht selten als Teil einesprivaten Fundus, der über Generationen aufgebaut wird.
Materialität und Technik
Dass die Maske im Werdenfelser Raum häufig aus Holz besteht, ist kulturell aussagekräftig: Holz erlaubt eine plastische, dauerhafte Form, die sich reparieren, aufbewahren und weitergeben lässt. Der Objektcharakterunterscheidet sich damit von kurzfristig hergestellten Papier- oder Stoffmasken: Die Larve ist kein Wegwerfprodukt, sondern ein dauerhaftes Kulturobjekt.
Ein weiterer Punkt ist funktional: Die handwerkliche Ausführung zielt darauf, dass Masken beim Tragen gut „funktionieren“ – also sitzen, atmen lassen, die Stimme verändern und zugleich robust bleiben. DieseVerbindung von Ästhetik und Gebrauch prägt die regionale Maskenkultur
Regionale Identität und „Geigenbauerlarven“
Mittenwald ist weithin mit seiner Geigenbau-Tradition assoziiert. In einer Darstellung zur Mittenwalder Fasnacht werden die Masken explizit als kunsthandwerklich fein gearbeitete Holzlarven charakterisiert und sogar als„Geigenbauerlarven“ bezeichnet. Das verweist auf eine lokale Erzählung: Die Qualität der Larven wird als Ausdruck regionaler Handwerkskompetenz gelesen.
Bedeutungsebenen der Larve: Gesicht, Gegen-Gesicht, Figur
Die Larve ersetzt das individuelle Gesicht durch ein kulturelles Gegen-Gesicht. Dieses Gegen-Gesicht trägt mehrere Bedeutungen zugleich:
Figur statt Person: Die Maske schafft Distanz zur Alltagsidentität und ermöglicht Rollenverhalten (Gestik, Gang, Stimme), das im Alltag unüblich wäre.
Spiel mit Erkennbarkeit: Für das Publikum entsteht ein sozial kontrolliertes Rätsel: Man beobachtet, interpretiert, vermutet. Dadurch wird Fasnacht zu einem kollektiven Kommunikationsspiel.
Traditionsspeicher: Larven binden Gegenwart an Vergangenheit, weil sie häufig über Jahre genutzt und im Familien- oder Freundeskreis weitergegeben werden. So wird die Maske zum materiellen Gedächtnis der Fasnacht.
Diese Mehrdeutigkeit ist zentral: Wer Larven nur als „Verkleidung“ beschreibt, unterschätzt ihre Rolle als Symboltechnik.
Wie Larven heute hergestellt, getragen und verstanden werden
Heute ist die Werdenfelser Larve zugleich Brauchtum und Kunsthandwerk. In aktuellen Berichten treten konkrete Personen als Schnitzer hervor; zugleich bleibt die Praxis kollektiv, weil die Maske erst im Gebrauch – beim Maschkera-Gehen – ihren Sinn entfaltet.
Charakteristisch für Mittenwald ist die klare zeitliche Struktur: Ab Dreikönig beginnt die sichtbare Fasnachtszeit, und Maschkera werden insbesondere an bestimmten Wochentagen aktiv, wenn man sich zum Gungln trifft.
Damit ist die Larve heute nicht Museumsgut, sondern Teil eines funktionierenden Jahresrhythmus. Ihre „Aktualität“ entsteht gerade dadurch, dass sie regelmäßig getragen wird – und dass die Regeln der Rolle (Anonymität, Auftreten, Zeitfenster) in der lokalen Praxis weiterhin ernst genommen werden.
Die Larve als Schlüssel zum Verständnis der Werdenfelser Fasnacht
Die Masken der Werdenfelser Fasnacht sind mehr als dekorative Holzgesichter. Als Larven verbinden sie religiöse Kalenderlogik (Vorfastenzeit), soziale Mechanik (Anonymität und Rollenwechsel) und historische Handwerkskultur (dauerhafte, hochwertige Holzmasken). In Mittenwald zeigt sich besonders deutlich: Die Larve ist ein materielles Zentrum der Tradition – ein Objekt, das soziale Ordnung temporär umschaltet, ohne sieaufzulösen, und das gleichzeitig regionale Identität sichtbar macht.
Weitere Artikel zum Thema
Text von Rick Albrecht
Bücher
Die Werdenfels Fasnacht und ihre Larven - ISBN: 978-3-86222-193-6
Dirk Ekert
Man muss nicht nach Afrika oder in die Südsee reisen, um fremde Kulturen und archaische Maskenrituale zu erleben. Gerade einmal hundert Kilometer südlich von München ist mit der Werdenfelser Fasnacht bis heute ein zutiefst bayerischer, aber dennoch beinahe bizarr anmutender Brauch lebendig. Seit mindestens 500 Jahren gibt es die Werdenfelser Fasnacht. Noch heute verkleiden sich jedes Jahr wieder die erwachsenen Männer der Region, um 'Rituale' auszuführen, die noch nicht durch touristischen Druck totorganisiert wurden. Die hölzernen Larven befinden sich meist seit Generationen im Familienbesitz. Diese wertvollen Schnitzarbeiten sind von einer Klarheit, die weit von jeder Zirbelstubenästhetik entfernt ist. Die kostbarsten Stücke, insbesondere die berühmten 'Kirchenlarven' werden jedoch als Familienschätze strengstens gehütet und verlassen für gewöhnlich nie mehr das Haus. Selbst in Museen sind solche Larven nur äußerst selten anzutreffen. Die in diesem Buch versammelten Larvenporträts sind deshalb eine kleine Sensation. Ergänzt um die bisher umfangreichste Zusammenstellung schriftlicher Quellen und historischer Fotos legt der 'Wahlmittenwalder' Dirk Eckert jetzt das Standardwerk zur Werdenfelser Fasnacht vor.
Masken Zauber und Dämonentanz - ISBN: 978-3-98962-024-7
Bernd Römmelt
Von Dezember bis Fasnacht verwandeln sich die verschneiten Alpen in eine Bühne für jahrhundertealte Rituale – geheimnisvoll, archaisch und voller Symbolik. Von den dunklen Rauhnächten bis zu den wilden Fastnachtsbräuchen: Rund 35 Traditionen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Slowenien zeigen den tief verwurzelten Glauben an die Mächte des Winters. Neben Bekanntem gibt es geheime Rituale wie die Wilde Jagd oder das Bärbeletreiben. Die eindrucksvollen Fotografien von Bernd Römmelt fangen diese Traditionen ein und zeigen den Wandel der Bräuche. Begleitende Texte erläutern Ursprünge und Hintergründe und lassen uns direkt an ihrer Faszination teilhaben. Ein atemberaubender Einblick in die winterliche Magie der Alpen.
Von antiken Ritualen der Ordnungslosigkeit über ein christlich geprägtes Fest der Fülle vor der 40-tägigen Enthaltsamkeit hin zu einer vielfältigen, regional geprägten Kulturform zwischen Brauchtum und moderner Unterhaltung – die Entwicklung des Faschings im Überblick:
Bereits im Römischen Reich wurden Saturnalien gefeiert, so hießen die Feste der Ausgelassenheit zu Ehren des Gottes Saturn. Sie waren geprägt von Maskierungen, Rollentausch, Aufhebung sozialer Ordnung und Überfluss an Essen und Trinken. Diese Idee eines „geordneten Chaos“ und der Freude vor einer Zeit des Verzichts gilt als wichtiger Vorläufer des späteren Faschings.
Im Frühmittelalter vermischten sich antike und heidnische Winter- und Fruchtbarkeitsbräuche mit dem christlichen Kalender. Regionale Unterschiede zeigten sich vor allem in der Fortführung lokaler Bräuche in ländlichen Gegenden, während städtische Kirchenzentren strengere Regeln hatten.
Der Fasching im kirchlichen Kontext entstand als letzte Zeit der Fülle vor der 40-tägigen Fastenzeit. „Carne vale“ (lat.) bedeutet Fleisch, lebe wohl. „Carne levare“ („Fleisch wegnehmen“). Maskierungen, Umzüge und Spott fanden gesellschaftliche Akzeptanz. Besonders in Bayern und im Alpenraum entstanden zahlreiche lokale Figuren. In anderen Regionen, z. B. Norddeutschland, spielte Fasching noch eine untergeordnete Rolle.
Im Spätmittelalter wurde der Fasching zu einem festen Bestandteil des Volkslebens. Masken und Larven, Umzüge sowie Spott und satirische Kritik an Obrigkeit und gesellschaftlichen Rollen gehörten inzwischen selbstverständlich dazu. Während der Reformation wurde das Faschingstreiben in protestantisch geprägten Regionen teilweise eingeschränkt, blieb jedoch in katholischen Gegenden wie Bayern und dem Rheinland lebendig und stark verwurzelt. Fasching etablierte sich als Volksfest.
Fasching wurde weiter als festes Volksfest gepflegt. In katholischen Regionen wie Bayern und dem Rheinland blieben Umzüge, Masken und Narrenfiguren populär. In protestantischen Regionenwurden Feierlichkeiten oft kleiner oder stärker kirchlich gebunden.
Deutschlandweit kam es zur stärkeren Organisation des Faschings; die ersten organisierten Karnevalsvereine entstanden, z. B. 1823 in Köln. Die sogenannten Elferräte, Prinzenpaare und Garden prägten vor allem den rheinischen Karneval, während in Bayern sowohl Vereinsfasching als auch regionale Bräuche wie Dorffasching weiterentwickelt wurden. Militärische Parodien, Gardetanz und Bühnenfasching gewannen an Bedeutung.
Nach den Weltkriegen erlebte der Fasching im 20. Jahrhundert eine erneute Belebung. Umzüge, Tanzgarden und Vereinsstrukturen wurden professionalisiert. Gleichzeitig blieb in Bayern die Pflege traditioneller Formen wie Maschkera, Larven und Dorffasching ein wichtiger Bestandteil der Faschingskultur. In Rheinland und Mainz blieb der rheinische Karneval mit Elferräten, Prinzenpaaren und großen Umzügen dominant.
Weitere Artikel zum Thema
Text von Silvia Richter